Rezension

Sehr interessantes Gedankenexperiment, gefühlsmäßig allerdings nicht so wie erwartet

Scythe 01 - Die Hüter des Todes - Neal Shusterman

Scythe 01 - Die Hüter des Todes
von Neal Shusterman

Bewertet mit 4 Sternen

Schade, dass die Charaktere nicht so ganz mit der eigentlich gut umgesetzten Idee mithalten können. Regt zum Nachdenken an, hat mir gefallen.

Die Idee einer perfekten Welt, in der die Menschen bereits alles erforscht und den Tod besiegt haben, klingt jetzt nicht unbedingt nach einer spannenden Geschichte, die man gerne lesen wollen würde. Aber kann es tatsächlich so eine perfekte Welt geben? Unvorstellbar, wenn der Mensch involviert ist. Der Thunderhead, eine Art Massenspeicher menschlichen Wissens sowie über die Welt im Allgemeinen mit künstlicher Intelligenz und einer Art Bewusstsein ausgestattet, koordiniert das Leben in dieser perfekten Welt. Auch wenn dieses erschaffene „Wesen“ das ganz gut zu meistern scheint, tun sich dennoch Probleme auf. Denn was fängt man mit dem Leben an, wenn es kein Ende hat? Verliert es nicht irgendwie an Bedeutung, schätzt man Dinge weniger als zuvor? Und ist der Planet nicht irgendwann überbevölkert? Zumindest letzteres Problem soll durch die Scythe gelöst werden, die Menschen töten bzw. „nachlesen“. Das Scythetum unterliegt nicht dem Thunderhead, sondern nur seinen eigenen 10 Geboten. 
Ich fand dieses Gedankenexperiment unglaublich interessant. Es wird sehr nachvollziehbar auf die Konsequenzen ewigen Lebens und dem Menschen als sein größter Feind eingegangen. Der Umgang mit dem Tod und der unmenschlich schwierigen Aufgabe über Leben und Tod entscheiden zu müssen wird nicht nur durch die Geschichte an sich sensibel transportiert, sondern regt auch zum Nachdenken an durch die Tagebucheinträge mehrerer Scythe, die jeweils unterschiedlich mit ihrer „Arbeit“ umgehen und ihre Sichtweise präsentieren. Irgendwann habe ich dann selbst versucht mir vorzustellen was für eine Scythe ich selbst wäre, ob ich das überhaupt könnte. Eine gruselige Vorstellung ist das auf jeden Fall.
In Gefühlsdingen hatte ich mir beim Lesen des Klappentextes allerdings etwas anderes vorgestellt: eine herzzerreißende Liebesgeschichte. Ich persönlich habe davon jedoch nicht wirklich etwas bemerkt, vor allem, da Citra und Rowan kaum etwas miteinander zu tun haben, sich eher aus dem Weg gehen und sich später dann nur noch zu den Lehrlingsprüfungen der Scythe auf den Scytheversammlungen überhaupt zu Gesicht bekommen. Wie es da zu dem einen Kuss kommen konnte, ist mir schleierhaft, weil sie sich ja eigentlich auch nicht wirklich kennen, sich vielleicht gerade mal gegenseitig attraktiv finden. Die erwartete Zerrissenheit wegen der Entscheidung, dass einer von ihnen den anderen am Ende ihrer Ausbildung töten muss, bleibt eher aus und ist nur minimal spürbar. Irgendwie liegt generell eine Art Schleier über den Emotionen. Sie kommen nur gedämpft beim Leser an. Auch bei den Charakteren hatte ich jetzt nicht das Gefühl, dass sie besonders komplex gestaltet worden sind, nur gerade genug, dass ich sie unterscheiden konnte. Citra und Rowan sowie zwei andere Scythe waren mir sogar recht sympathisch. Mich hat es jetzt nicht so dramatisch gestört, da sich der Schreibstil doch sehr angenehm liest und mehrere unerwartete Wendungen eingebaut worden sind, die die Geschichte in eine ganz andere Richtung gelenkt haben als ich zuvor gedacht hätte. Dass die Story mich trotzdem so fesseln konnte hat mich schon erstaunt, denn mir ist eine starke Bindung zu den Charakteren und ihrer Gefühlswelt enorm wichtig, um intensiv mit ihnen mitfiebern zu können. Wahrscheinlich lag es einfach an dem interessanten Thema.

Obwohl mich die Geschichte jetzt nicht so dermaßen emotional mitreißen konnte und die Figuren teilweise etwas flach geraten sind, hat mich die Thematik einfach so fasziniert und zum Nachdenken gebracht, sodass ich dennoch gebannt dem Storyverlauf gefolgt bin und vermutlich auch die Fortsetzung lesen werde. Wer also eher zu der Kategorie Leser gehört, der eher auf einen guten Plot wert legt, gern viel Stoff zum Nachdenken bekommen möchte und Science Fiction allgemein gut findet, der trifft hier definitiv die richtige Wahl.