Rezension

Sehr treffend, sehr schräg

Malé - Roman Ehrlich

Malé
von Roman Ehrlich

Bewertet mit 4 Sternen

Der stetig steigende Meeresspiegel hat viele Teile der Welt nahezu unbewohnbar gemacht. Auch Malé, die Hauptstadt der Malediven, hat sich von einem Urlaubsparadies in eine Zufluchtsstätte für Aussteiger verwandelt. Überflutete Straßen, bröckelnde Flutmauern und schimmlige, geplünderte Gebäude erwarten einen hier. Trotzdem ist Malé zur Zufluchtsstätte für einige Mutige – oder Verzweifelte – geworden.

In dieses bunte Sammelsurium an Inselaussteigern taucht man beim lesen nach und nach ein. Da wäre beispielsweise die Literaturwissenschaftlerin Frances Ford, die auf Malé nach dem verschollenen Lyriker Judy Frank sucht. Oder der Vater von Mona Bauch, der nicht glauben will, dass seine Tochter auf der Insel gestorben ist. Es gibt die toughe Hedi und ihren Appendix Böhm, der ihr seit Jahren wie ein stummer Schatten folgt. Sowie einige weitere, die auf der Suche nach etwas sind, oder Ziele verfolgen, die ihnen die kaputte Welt noch übrig gelassen hat. Dazwischen tauchen vereinzelt Tagebucheinträge von Frank auf oder Email-Korrespondenz von Mona an ihren Vater. Und manchmal bleibt auch ganz einfach offen, über wen genau gerade erzählt wird.

Ehrlich trifft einen Ton zwischen intellektuell und unterhaltsam. Die teils langen Sätze und die auffälligen Wiederholungen der gerade handelnden Personen passten dabei ins Bild. Auch thematisch trifft Ehrlich den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf: Steigende Meeresspiegel, Klimaerwärmung, Artensterben. Dass die Realität seinen Roman in ein paar Jahren einholt, ist leider nur allzu gut vorstellbar.

„Der Tourismus, in der Form, wie er auf den Malediven jahrzehntelang praktiziert wurde, […] steht stellvertretend für die Vernichtung des schönen auf der Welt, durch die Ignoranz […] der Menschen die das Privileg des Reisens für sich in Anspruch nehmen, ohne dabei die Erfahrung der Fremde machen zu wollen.“
Seite 128 ebook

Gerade die anekdotenhaften Geschichten und Erlebnisse der verschiedenen Figuren haben mir gefallen und waren auch schon bei Ehrlichs Vorgängerroman „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ mein Highlight. Dazu kommen hier Tourismus- und Konsumkritik und ein kleiner Hauch Mystik oder magischer Realismus. Nur: Eine in sich abgeschlossene Geschichte inklusive der Beantwortung aller offenen Fragen darf man hier nicht erwarten. Ehrlich scheint hier seine eigenen Vorlieben dem Lyriker Frank in den Mund zu legen:

„'Ich hätte es einfach gerne möglichst immer möglichst unvernünftig, glaube ich. Nicht organisiert und durchkonstruiert, nicht /über/ etwas, kein Personal, dessen seelische Prozesse wie in einer Ameisenfarm ausgestellt sind, sondern dämonisch, irrational, schräg […].'“
Seite 130 ebook

Malé ist kein lockerer, griffiger Roman, der von A bis Z eine Geschichte erzählt. Aber es ist trotzdem ein guter Roman! Einer, bei dem ich fast Lust hatte gleich wieder von vorne zu beginnen. Einer, bei dem sich ein zweites lesen lohnt. Einer, bei dem ich liebend gern das physische Buch statt des Ebooks gehabt hätte, einfach weil es so viel zum anstreichen gab. Sehr treffend, sehr gut geschrieben und sehr schräg!

Kommentare

Emswashed kommentierte am 22. September 2020 um 10:23

Uff, Du bist so ganz anderer Meinung, als die anderen.... vielleicht sollte ich es ja doch lesen. Aber erst wenn Gras über die Sache gewachsen ist. ;-))