Rezension

Selbstoptimierung auf australisch

Neun Fremde
von Liane Moriarty

Bewertet mit 5 Sternen

Mit dem Buch „Neun Fremde“ hat die Erfolgsautorin Liane Moriarty einen hervorragenden Psychologie-Roman auf den Markt gebracht.

Der australische Winter ist der Ausgangspunkt dieser Geschichte, in der es um neun Wellness-Resort-Urlauber geht. Fünf Frauen und vier Männer. Alle wollen sich optimieren. Dies verspricht der Werbetext auf der Tranquillum-House-Webseite. 
Welch manipulatives Geschäft sich dahinter verbirgt, mag man nur erahnen. Die Gäste fassen dies unterschiedlich auf, der eine ist eingeschnappt, der andere nimmt es gelassen hin. Die Gastgeberin Masha benimmt sich wie ein Guru und schafft es tatsächlich, ihre skeptischen Gäste  zu überzeugen. Das böse Erwachen ist unausweichlich, denn auch sie hat Geheimnisse.

Frances, die Hauptfigur in dieser Geschichte, ist Autorin und schreibt Liebesromane, die jedoch auf der Verkaufs- und Beliebtheitsskala fallen. Sie sieht im Gegensatz zu allen anderen jedoch keinen Anlass, an ihrem Gewicht oder irgendetwas anderes zu optimieren. Ihr Leben verläuft in geregelten Bahnen, und darum stellt sie eine echte Herausvorderung für Masha dar. Doch das täuscht, denn ein Nervenzusammenbruch während der Anreise zeigt, dass es mit ihrer Gesundheit nicht gut bestellt ist. Ausgerechnet ein anderer Gast beobachtet sie dabei und bietet ihr seine Hilfe an, doch Frances steht tapfer und offensiv ihre Schande durch. Dann gibt es da die Familie, die um den Sohn und Bruder trauert. Ein attraktiver und erfolgreiche Anwalt, der Angst vor der Verantwortung hat. Ein übergewichtiger Typ, den Frances zunächst gar nicht ausstehen kann und dessen Vergangenheit sich für viele als große Überraschung entpuppt. Die junge Mutter, die von ihrem Ehemann für eine noch Jüngere verlassen wurde und immer meint, sie sei zu dick. Oder das reiche Pärchen, dessen Liebe tatsächlich von zu viel Glück zerstört wird. In ständigem Perspektivwechsel, geschildert von einem allwissenden Erzähler,  erhalten wir interessante Einblicke in die persönlichen Geschichten der Protagonisten. Geschichten, die nur sie selbst kennen und die sie mit niemandem teilen würden. Im Verlauf stellen sich immer wieder neue Fragen, müssen unvermeidliche Vorurteile über Bord geworfen werden. Dies versetzt uns Leser in eine vermeintlich reizvolle Position, haben wir doch so einen Wissensvorsprung vor allen anderen. Doch das meinen wir nur, denn die Geschichte schlägt immer wieder einen überraschenden Haken und zeigt, dass jeder das Potenzial hat, besser und glücklicher zu werden. Moriarty spielt geschickt mit den Vorurteilen ihrer Figuren und den Erwartungen der Leser. Jeder denkt, die Schwächen des anderen erkannt zu haben. Dabei liegen die Geheimisse viel tiefer:

Liane Moriarty versteht es, gut einstudierten Rollenmuster und Äußerlichkeiten auf humorvolle Weise Stück für Stück zu demontieren. So stattet sie ihre nichts ahnenden Protagonistenjeden mit sehr menschlichen und sympathischen Eigenschaften aus.  Glaubwürdig wechselt die Autorin zwischen amüsanten Passagen und den ernsten Stellen. Als Leser fühlt man sich den orientierungslosen Protagonisten und dem Geschehen sehr nahe. Die Autorin stellt interessante und greifbare Charaktere vor, legt falsche Fährten und holt den Leser nah an das Geschehen heran. Am Ende sind aus den neun Fremden neun Freunde geworden.

Absolut lesenswert!