Rezension

Umbrüche im Leben einer 50-jährigen Indonesierin

Herbstkind - Laksmi Pamuntjak

Herbstkind
von Laksmi Pamuntjak

Bewertet mit 4 Sternen

Die indonesische Künstlerin Srikandi (Siri) Eilers kommt mit rund 50 Jahren nach Berlin, zu einem Zeitpunkt, zu dem Umbrüche ihr Leben bestimmen und vermutlich mit dem Wunsch, Brücken hinter sich abzubrechen. Siri hat in den USA studiert und länger in London und Madrid gelebt. Erst kürzlich hat sie erfahren, dass der Deutschamerikaner, der für ihre Mutter zum Islam konvertierte, nicht ihr leiblicher Vater ist. Ihr Vater Bhisma war als politischer Häftling auf der indonesischen Insel Buru interniert. Als das Gefangenenlager 1979 aufgelöst wird, bleibt er als Arzt auf der Insel und kehrt nicht wieder zu Frau und Kind zurück. Sowohl Adalhard Eilers, Siris sozialer Vater, als auch ihr Ehemann Riaz sind inzwischen verstorben. Riaz brachte damals eine erst zweijährige Tochter mit in die Ehe, die heute fast 30 ist. So wie Siri von Amalia erzählt, entstand bei mir der Eindruck, dass sie Riaz u. a. wegen Amalia geheiratet hat. In Berlin lebt sich Siri erstaunlich schnell ein, findet eine Atelierwohnung, verliebt sich in einen Konzertpianisten und trifft eine Mentorin, um die Zeit zu überbrücken, bis sie  von einer Galerie vertreten wird.

Besucher nehmen eine Stadt oft intensiv auf und nehmen Dinge wahr, die den Einwohnern entgehen. Was Siri in Berlin entdeckt und welche Menschen sie trifft, erzählt Laksmi Pamuntjak sehr dicht aus der Ichperspektive Siris, wenn auch Siri für meinen Geschmack zu problemlos Fuß fasst und alles etwas zu glatt verläuft. Nach mehr als der Hälfte des Romans fragte ich mich, wohin die üppig mäandernde Erzählung eigentlich führen soll. Bemerkenswert fand ich bis dahin, wie zugewandt Siri Frauen gegenüber ist, wie ernsthaft sie von ihrer umschwärmten Lehrerin erzählt und von ihrer Schulfreundin Dara. Man könnte durchaus auf die Idee kommen, dass Siri Frauen liebt und mit Riaz eine Vernunftehe einging. Wie Siri über ihre Mutter schreibt, verdient auf jeden Fall die Aufmerksamkeit der Leser. Während Siri Berlin entdeckt, hätte ihr eigentliches Leben in Jakarta stattfinden sollen. Siri hat dort eine Ausstellung vorbereitet, die sich höchst kritisch mit Männer- und Frauenkörpern auseinandersetzt und die Frage aufwirft, was eine Frau zur Frau und was einen Mann zum Mann macht. In einem mehrheitlich islamischen Vielvölkerstaat ein gewagtes Projekt, das prompt bereits vor der Eröffnung Aufsehen erregt.

Als weitere Icherzähler tauchen im zweiten, kürzeren Teil des Romans Siris Freundin Dara auf (die in Indonesien für eine Wohlfahrtsorganisation arbeitet) und  Daras Bruder Arif, der mit Amalia ein Kind gezeugt hat, das er nicht vorhat, aufzuziehen. Dara, von der man in ihrer Kindheit Dankbarkeit erwartete, dass sie als Muslimin eine katholische Schule besuchen durfte, bringt ein flottes Erzähltempo in die Handlung. Das komplizierte Verhältnis der Freundinnen empfand ich als Kern des Romans und als viel zu kurz gegenüber dem Berlin-Teil. Wie sich die Beziehung einer finanziell abgesicherten, auf internationalem Parkett erfahrenen Künstlerin und einer Frau entwickelt, die lange ohne Kopftuch in ihrem Stadtteil das Haus nicht verlassen konnte, hat mich stark gefesselt. Diese Freundschaft unter erschwerten Bedingungen führt nach m. A. zu vielen Fragen, u. a. danach, was Kunst verändern kann, welchen Anteil Siri an einer Modernisierung Indonesiens haben könnte, wie überhaupt Politik, Religion und Kunst miteinander agieren und welche Rolle in diesem Dreieck der Islam spielt. Wer sich für den historischen Hintergrund der Ereignisse interessiert, kann anhand der Jahreszahlen die Handlung problemlos zeitlich einordnen.

Laksmi Pamuntjak charakterisiert innerhalb einer Gruppe kinderloser Personen (Siri, Dara, Matthias) mit ihrer Icherzählerin Siri eine moderne Bindestrich-Identität. Ihre aus „Alle Farben Rot“ vertraute mäandernde Erzählweise stellt dabei einige Anforderungen an die Konzentration ihrer Leser.