Rezension

Unterhaltsame Interpretation eines realen Falles

Der freundliche Mr. Crippen - John Boyne

Der freundliche Mr. Crippen
von John Boyne

Im Sommer 1910 verlässt die SS Montrose den Hafen Antwerpen mit Ziel Kanada. An Bord ist eine bunte Mischung von verschiedensten Personen, unter anderem ein Mister Robinson mit seinem Sohn Edmund. Schnell wird klar, dass die beiden ein Geheimnis haben, aber die unterhaltsame Schilderung der anderen Mitreisenden lässt dies erstmal in den Hintergrund treten. Da sind zum einen die unausstehlich arrogante Mrs. Drake und ihre eingebildete Tochter Victoria, die glaubt, ausnahmslos jeden Mann um den Finger wickeln zu können, dann die eher unauffällige Miss Hayes sowie der wohlhabende und scharf beobachtende Mathieu Zela und sein unausstehlicher Neffe Tom. Nicht zu vergessen natürlich die Besatzung der Montrose selbst, allen voran der Kapitän Kendall und sein neuer erster Offizier Billy Drake, der das erste Mal auf der Montrose mitfährt. All dies gäbe wahrscheinlich schon genug Stoff für ein ganzes Buch, doch Boyne verknüpft die Handlung auf der Montrose geschickt mit Rückblenden in die Vergangenheit von Hawley Crippen, einem jungen Mann, der bei einer fanatisch religiösen Mutter aufwächst, sich sehr für Medizin interessiert, aber aus finanziellen Gründen kein richtiges Studium absolvieren kann und nach einigen Irrwegen in London landet, wo er eine homöopathische Apotheke leitet.

Mir war zu Beginn der Lektüre nicht klar, dass Hawley Crippen die Hauptfigur in einem bekannten realen Kriminalfall gewesen ist. Wer dies noch nicht weiß, sollte sich während der Lektüre auch eher bremsen und nicht nachschlagen, was über den Fall so geschrieben wurde, man nimmt sich einiges an Spannung, auch wenn Boyne hier seine ganz eigene Auslegung der Fakten geschrieben hat.
Ich habe das Buch gar nicht als Krimi angefangen, sondern eher an einen historischen Roman gedacht. Insofern habe ich wohl auch weniger mitgerätselt als ich es bei einem Kriminalroman getan hätte und so ist es dem Autor mehr als einmal gelungen, mich total zu überraschen.

Die Figuren, die Boyne hier zeichnet, sind teilweise unglaublich überspitzt, aber gerade das macht einen Großteil des Lesevergnügens aus, man liest und mag es sich kaum vorstellen, aber kann gleichzeitig nicht ausschließen, dass es solche Personen wirklich gegeben hat und gibt.

Im Nachwort hätte ich mir allerdings gewünscht, dass der Autor etwas mehr darauf eingeht, was nun Fakten waren und was seiner Phantasie entsprungen ist, hier muss man dann doch eher selbst recherchieren, wenn man es genauer wissen will.

Insgesamt habe ich mich aber sehr gut unterhalten gefühlt und Boynes Schreibstil überzeugt mich einfach jedes Mal, egal um welches Thema es geht!