Rezension

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Unterwegs

Fang den Hasen -

Fang den Hasen
von Lana Bastasic

Bewertet mit 4 Sternen

4. Mai 1980. Der jugoslawische Staatschef Josip Broz „Tito“ stirbt, das Land befindet sich in Schockstarre. Di eser Tag ist zugleich der Geburtstag der Erzählerin, Sara. Das Kind serbischer Eltern ist die Tochter des Polizeichefs von Banja Luka. Sara freundet sich in der Grundschule mit der Tochter des verstorbenen Sängers Adnan Begić an. Sara bewundert die Bosniakin Lejla; heimlich ist sie in Lejlas Bruder Armin verliebt. 1991 zerfällt Jugoslawien, es kommt zum Krieg, erst 1995 soll in Dayton ein Friedensvertrag geschlossen werden. Sara geht nach Dublin, Lejla bleibt in Bosnien zurück, Armin gilt als vermisst. Nach 12 Jahren Funkstille fordert meldet sich Lejla bei Sara und verkündet: „Armin ist in Wien.“ Klar ist, dass Sara die Freundin nach Österreich fahren soll…

Lewis Carroll meets Elena Ferrante & Joseph Conrad – „Fang den Hasen“ ist eine Road-Novel, in welcher  bekannte Elemente der Literaturgeschichte aufgegriffen und teils neu interpretiert werden. Leitmotivisch taucht ein weißes Kaninchen auf.  Sara und Lejla verbindet eine Art Hassliebe, Lejla scheint in der Beziehung den dominanteren Part zu übernehmen. Die Geschichte oszilliert zwischen Vergangenheit und Gegenwart, es geht auch um (trügerische) Erinnerungen.

Die Protagonistinnen sind komplexe Figuren, sympathisch fand ich sie jedoch nicht immer. Die restlichen Figuren im Roman sind zum Teil Statisten (wie Saras Freund Michael) oder einigermaßeneinigermassen eindimensional; nach dem Tod von Saras gewalttätigem Vater mutiert dieihre Mutter zur fetten Furie; überhaupt hat Sara ein schwieriges Verhältnis zu der Frau, die patriarchale Vorstellungen völlig verinnerlicht hat („Aber sie ist die Mama, sie kann es am besten […]hält mir ein Mädchen aus rosa Papier hin.“  ). Der Lebenssinn einer Frau liegt für die Hauptfigur nicht in der Mutterschaft. Als; als Erwachsene wendet sich Sara völlig von ihren

 Eltern ab; Lejlas Mutter hingegen ist nicht altmodisch, sie klärt ihre Tochter auf.  .

 

Die Autorin Lana Bastašić präsentiert mit „Fang den Hasen“ einen feministischen Roman. Sie kritisiert den Androzentrismus und prangert misogynepatriarchale Strukturen an. Manchmal gelingt ihr das gut, manchmal schießt sie für mein Empfinden jedoch über das Ziel hinaus („Aus sich heraus zog sie einen dicken, blutigen Tampon“). Nationalismus und Chauvinismus sind ihr zuwider, sie erteilt auch der Jugo(slawien)-Nostalgie eine Absage („Sie blickte irgendwie enttäuscht in diese ganze Leere“). Der Krieg in Bosnien spielt implizit auch eine Rolle. Die Grenzverschiebungen spricht Bastašić explizit nicht an.  Die Autorin setzt also ein gewisses Vorwissen voraus, daher denke ich, dass ein paar Anmerkungen und Erläuterungen seitens der Übersetzerin hilfreich wären (es gibt im Anhang lediglich ein Glossar). Wie soll der deutschsprachige Leser erkennen, dass die Verwendung von „Stunde statt Uhr“ darauf abzielt, Turzismen aus einer Sprache zu tilgen?

„Fang den Hasen“ beschäftigt sich auch mit Fragen der Identität, mit Fremdwahrnehmung und unsinnigen Definitionen, der Heimat-Begriff taucht auf. Auf der Reise mit Lejla erkennt Sara, dass auch Westeuropa kein Paradies ist, „die Plastikhaut Österreichs“ kann sie nicht mehr beeindrucken, sie erkennt die Härte eines Systems, das für menschliche Schwächen keinen Platz hat – „Im Gegensatz zu dem perfekten Gras kam ich mir selbst falsch vor, mit groben Rändern und ungleichmäßiger Bräune; meine Gedanken waren über die Linie gemalt.“

Bosnien wird mit Dunkelheit in Verbindung gebracht. Obwohl Sara die Erzählerin ist, wird eigentlich Lejlas Leben unter widrigen Umständen in den Mittelpunkt gerückt; in gewisser Weise macht sich die Autorin das Leid Lejlas (mit sehr viel Empathie) zu Eigen, sie verzichtet auf jedoch auf Kitsch und Klischees, es gibt humorvolle Passagen.

„Fang den Hasen“ ist eine spannende, nachdenklich machende Geschichte. Lana Bastašićs Debutroman wurde 2020 mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet.