Rezension

Verstörend, rätselhaft, anekelnd... ein sprachlich sehr intensives Bild einer Suchtkranken

All das zu verlieren - Leïla Slimani

All das zu verlieren
von Leila Slimani

Bewertet mit 5 Sternen

Adèle ist Ehefrau eines angesehenen Arztes und Mutter eines dreijährigen Jungen. Nebenbei jobbt sie als Journalistin. Im Prinzip hat sie alles, was man sich wünscht – bald sogar ein richtiges Anwesen auf dem Land. Aber Adele ist rastlos, unzufrieden, süchtig… süchtig nach Sex mit Fremden. Sie lebt ein Doppelleben und kommt aus diesem Hamsterrad nicht heraus, sosehr sie sich immer wieder bemüht. Wird Richard, ihr Ehemann, es eines Tages bemerken? Kann Adèle einen Ausweg finden?

Dies ist das erste Mal für mich, dass ich etwas von Leila Slimani gelesen habe. Ich muss sagen: wow, die Intensität, die sie mit Sprache erschafft, ist enorm! Obwohl dieser Roman keinen üblichen Handlungsstrang aufweist, entwickelt er allein aufgrund der erzeugten Atmosphäre einen unheimlichen Sog. Ein Sex-Abenteuer reiht sich ans nächste. Diese werden jedoch immer sehr knapp umschrieben, aber mit einer Wucht, die sitzt. Ich habe als Leser in keinem Moment das Gefühl, hier einen Erotikroman vor der Nase zu haben. Denn schon sehr schnell ist klar: wir haben hier eine suchtkranke Person, die wir begleiten.

Ich habe immer eine gewisse Distanz zu Adèle gehabt, da mir dieser Charakter doch etwas befremdlich ist. Aber ich habe mit großem Interesse verfolgt, was aus ihr wird. Habe einem Psychologen ähnlich versucht zu ergründen, was  Adèle umtreibt und antreibt und was ihr vielleicht helfen kann.  Die ersten beiden Drittel des Romans sind aus Adèles Sicht beschrieben, so dass immer wieder auch Gedanken auftauchen, die einen Eindruck vermitteln. Darüber, wie es möglicherweise zu ihrer Krankheit gekommen ist. Immer mehr erfährt der Leser: da liegt wie so oft viel in der Kindheit verborgen. Und ein ums andere Mal bin ich erschüttert ob der lieblosen Kindheit, geschockt über die sich entwickelnde (selbst-)zerstörerische Energie von Adèle, traurig darüber, dass Leidtragender am Ende ihr eigenes Kind sein wird…

Das letzte Drittel wird hauptsächlich aus Sicht ihres Ehemanns Richard erzählt. Dies hat zwar nicht den vorgenannten Sog in derselben Intensität, jedoch erfahre ich als Leser, was Richard für ein Mensch ist. Schnell gewinne ich den Eindruck, dass es Adèle und Richard nicht gemeinsam zu einem Happy End bringen können. Aber ob das so stimmt??? Das Ende ist offen und dennoch absolut stimmig.

Fazit: Ein knappes, jedoch extrem intensives,  auf den Punkt gebrachtes und sehr bildhaftes Psychogramm einer suchtkranken Frau, das schockiert, verwirrt und bis zum Schluss immer wieder Fragen aufwirft. Es zeigt mir sehr eindrücklich die Komplexität der menschlichen Psyche, die nicht immer und für jeden greifbar und logisch ist. Aber genauso ist es. Chapeau, Frau Slimani! Ich bin beeindruckt!

Kommentare

wandagreen kommentierte am 18. Juni 2019 um 10:56

Also den Sex und die Erotik hat die Autorin wirklich sehr gut beschrieben, bildhaft, aber keineswegs pornografisch oder voayeuristisch.

Man kann das auch so sehen, Bi, bei diesem Buch kommt es wirklich sehr darauf an, aus welcher Perspektive man guckt. 

naibenak kommentierte am 18. Juni 2019 um 10:59

Ja, wahrscheinlich ist das so! Ich finde das spannend, ähnlich wie beim Vogelgott. Man hat viel Interpretations-/Diskussionsspielraum.