Rezension

Vielschichtige Suche nach Identität und Lebenswegen

Die Geheimnisse meiner Mutter - Jessie Burton

Die Geheimnisse meiner Mutter
von Jessie Burton

Bewertet mit 4 Sternen

Der Roman "Die Geheimnisse meiner Mutter" von Jessie Burton erscheint im Insel Verlag.

Als Kind schmerzt es Rose unheimlich, nicht zu wissen, warum ihre Mutter Elise einfach spurlos verschwand und als Baby bei ihrem Vater Matt ließ. Jahre später erfährt Rose von Matt, das die Schriftstellerin Constance Holden die Letzte war, zu der ihre Mutter vor ihrem Verschwinden Kontakt hatte. Rose möchte mehr über ihre Mutter erfahren und nimmt Kontakt zu Constance auf. 

"Wenn jemand einen so ansieht, ..., ist es, als sähe man all die Persönlichkeiten dieses Menschen, die tiefsten, lang verschütteten, endlosen Missverständnisse, all die Erfahrungen von Liebe, Freude, Hass und Traurigkeit." Zitat S. 430 

Dieses Buch wirft Fragen auf, es erwarten den Leser eine ganze Reihe an Lebensproblemen, es geht um Entscheidungen für den weiteren Lebensweg, um Beziehungen, auch um eine lesbische, außerdem um ungewollte Schwangerschaft und Mutterrolle, Verlust und verlorene Mutterliebe. Nicht jede Frau ist dazu bereit, ihre Selbstständigkeit zugunsten eines Kindes aufzugeben, andere gehen in ihrer Rolle auf. Fakt ist jedenfalls, dass Elise irgendwann aus Roses Leben verschwand und sie bei ihrem Vater Matt ließ.

 

Mit 34 Jahren hat Rose genug von ihrem Job, die Beziehung mit Joe ist nicht unglücklich, aber auch nicht so richtig glücklich. Sie weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben machen will. Außerdem quält sie die Ungewissheit, warum ihre Mutter sie damals als Baby verlassen hat.

Sie findet den letzten Kontakt ihrer Mutter, die ältere Schriftstellerin Connie, die eine Assistentin zum Kochen und Tippen ihres Manuskriptes für einen neuen Roman benötigt. Unter einem anderen Namen, Laura, nimmt Rose die Stelle bei Connie an. Beide Frauen gewöhnen sich aneinander und auch wenn die Aufdeckung des Geheimnisses um ihre Mutter Rose hierher führte, genießt sie die Gesellschaft mit Conny.

 

Elises Leben mit Connie wird in Rückblenden deutlich, diese Kapitel werden durch Jahreszahlen erkennbar. Die Zeit konnte mich damit packen, das sie außergewöhnlich war auch ein paar Einblicke in das Filmgeschäft sichtbar machte. Später bringt eine ähnliche Beziehung auch Connie und Rose zusammen, es sind vielschichtige Figuren, die man nur bruchstückhaft kennen lernt und nie ganz erfassen kann. Das macht eigentlich den besonderen Reiz an der Geschichte aus und das sich manches wiederholt im Leben.  

 

Jessie Burton versteht sich darin, ihren komplexen Figuren unterschiedliche, lebendige und auch polarisierende Züge zu verleihen, auch wenn ich ihnen nie richtig nahe kam. Die Geschichte fängt sehr stark an, ich hatte den Eindruck, die Figuren werden mit der Zeit etwas emotionsloser. Auch wenn ich viele Beweggründe nicht nachvollziehen konnte, hat mir der faszinierende Schreibstil Jessie Burtons sehr gut gefallen. Ihre gefühlvollen Phrasen habe ich genossen, das oben genannte Zitat lässt einen kleinen Eindruck zu. Wie sie die Beziehungsverhältnisse aufbaut, hinterfragt und am Ende auf das Geheimnis Elises zu hinleitet, hat mich über einige Längen im Mittelteil hinweggetröstet. 

 

Es ist kein einfacher Unterhaltungsroman, man muss sich den Figuren annähern und findet ein Mutter-Tochter-Verhältnis vor, welches nicht im klassischen Sinne gelebt wurde. Dieser Roman gibt Denkanstösse, erst nach dem Lesen wirbelt er Fragen auf, die man selbst an Rosies Stelle ohne Mutter sicher auch gehabt hätte.