Rezension

Vielversprechender Fantasy-Auftakt in fragwürdiger Übersetzung

Die Zeitwanderer - Stephen R. Lawhead

Die Zeitwanderer
von Stephen R. Lawhead

Bewertet mit 3.5 Sternen

Man(n) hat es nicht leicht: Da will der siebenundzwanzigjährige Londoner Kit Livingstone nur mal schnell eine Abkürzung nehmen, weil er mit seiner Freundin zum Einkaufsbummel verabredet ist, und schon findet er sich in einer unbekannten Gasse mit einem seltsamen Alten wieder, der behauptet, sein Urgroßvater zu sein. Cosimo Livingstone, so der Name des Mannes, erklärt sein erstaunliches Alter damit, dass er die Fähigkeit besitzt, durch Raum und Zeit zu reisen. Sogenannte unsichtbare Ley-Linien verbinden die unterschiedlichsten Kraftorte dieser Welt miteinander und machen es möglich, nicht nur von einem Ort zum anderen, sondern auch in der Zeit zu springen. Kit glaubt dem Alten kein Wort, bis er sich plötzlich gemeinsam mit Cosimo in einem Hafenstädtchen vergangener Jahrhunderte wiederfindet. Wieder zurück im London der Jetztzeit muss Kit feststellen, dass seine etwas schwierige Freundin, die grimmige Bäckerin Wilhelmina (Mina) nicht nur sehr ärgerlich über seine Verspätung ist, sondern ihm auch kein Wort glaubt, was die Ley-Linien betrifft. Was liegt also näher, als es ihr einfach zu beweisen? Doch statt mit Mina im beschaulichen Hafenstädtchen findet sich Kit alleine dort wieder – Mina ist ihm beim Zeitsprung irgendwo abhanden gekommen. Nun kann nur noch Cosimo helfen, sie wiederzufinden. Allerdings steckt auch Cosimo in ernsthaften Schwierigkeiten: Er ist schon länger auf der Suche nach einer Karte, auf der sämtliche Ley-Linien verzeichnet sind. Dummerweise ist sein Widersacher Lord Burleigh ebenfalls hinter der Karte her, und er und seine Spießgesellen schrecken vor keinen Übeltaten zurück . Cosimo, den Lord Burleigh im Besitz eines Kartenteils wähnt, ist in großer Gefahr, und damit auch Kit…

Meine Meinung:
„Die Zeitwanderer“ bzw. „The skin map“ ist der erste Teil einer fünfbändigen Reihe des Fantasy-Autors Stephen R.Lawhead. Anfangs fiel es mir schwer, mich in die Geschichte einzufinden, doch spätestens als Kits zu Beginn eher mürrisch und unsympathisch erscheinende Freundin Wilhelmina im Prag des 17.Jahrhunderts landet und sich dort als Bäckerin behaupten muss, war ich gefesselt von der Geschichte.
Gut, der Science-fiction-Aspekt ist nicht besonders kompliziert und ausgefeilt, aber das war mir gerade recht. Einige Leser bemängelten in Rezensionen, dass sie die Charaktere flach und die Handlungsorte zu unübersichtlich fanden; beide Vorwürfe kann ich nicht im Mindesten teilen. 
Meist mag ich Geschichten mit so vielen Perspektivwechseln auch nicht, doch Stephen Lawhead hat es geschafft, mir alle Handlungsstränge schmackhaft zu machen, ob nun im alten Ägypten oder in Prag, wo Wilhelmina das erste Kaffeehaus eröffnet und sogar das Königshaus auf sich aufmerksam macht. Die fiesen Widersacher um Lord Burleigh herum springen ebenfalls munter zwischen allen Zeiten und Orten herum und sorgen dafür, dass es nicht langweilig wird.
Den deutschen Titel finde ich etwas nichtssagend; im Original bezieht sich „The skin map“ darauf, dass sich der Entdecker der Ley-Linien, Arthur Flinders-Petrie (den wir im Buch ebenfalls kennenlernen), einst alle wichtigen Kraftorte auf seinen Körper tätowieren ließ. Nach seinem Tod diente seine Haut dann als Karte :breitgrins:, hinter der sowohl das Team um Kit und Cosimo als auch Lord Burleigh her sind.
Die Figuren fand ich alles andere als blass und langweilig. Ich hätte mir vielleicht noch ein wenig mehr Detailtiefe gewünscht und zum Beispiel gerne erfahren, wie sich Wilhelmina in einer Backstube ohne Elektrizität durchschlägt. Dies wird eher schnell und reibungslos abgehandelt, aber das ist auch mein einziger Kritikpunkt. Ich möchte unbedingt wissen, wie es mit Kit und seinen Freunden weitergeht und habe mir schon den 2.Band bestellt.
 
Besonders originell finde ich übrigens, dass der Autor mit seinen Hauptcharakteren Kit und Mina den umgekehrten Weg geht und nicht zwei Fremde auf die Reise schickt, aus denen am Schluss ein Liebespaar wird -  Stephen R.Lawhead beginnt mit einem schlecht zueinanderpassenden Pärchen, das getrennte Wege geht. Zu verfolgen, wie unterschiedlich sich die beiden weiterentwickeln fand ich sehr spannend.
Man kann sogar spekulieren, ob die beiden nun an ihrem „neuen“ Leben in der Vergangenheit (und ihren jeweiligen Begleitern dort) Gefallen finden und dort bleiben oder ob sie – nach vielen Abenteuern versteht sich – wieder als Paar zueinanderfinden und ins London der Gegenwart zurückkehren.
Ein Tipp: Wer der englischen Sprache mächtig ist, sollte sich einen Gefallen tun und das Buch im Original lesen, was wirklich nicht kompliziert ist. Ich habe in die deutsche Leseprobe hineingeschnuppert und fand sie sehr platt und gewollt jugendlich. Grauslig!