Rezension

Vier Schwestern, vier Leben

Die Aprilhexe - Majgull Axelsson

Die Aprilhexe
von Majgull Axelsson

Bewertet mit 4.5 Sternen

Desirée ist wütend! Wütend auf ihre drei Schwestern, die bei Tante Ellen genau das schöne Leben gelebt haben, das ihr zugestanden hätte. Doch von Desirées Existenz wissen die drei noch nicht einmal. Mit schwersten Behinderungen wurde sie wie so viele andere Kinder in den 50er Jahren gleich nach der Geburt in ein Heim gegeben. Dass sie das überlebt hat, Abitur machen konnte und zwischenzeitlich sogar eine eigene Wohnung hatte grenzt an ein Wunder. Doch nun ist sie wegen immer häufiger auftretender Epilepsieanfälle wieder dauerhaft im Krankenhaus und die alte Wut über die Ungerechtigkeit kommt wieder hoch. So beschließt sie, ihren Schwestern anonyme Briefe zukommen zu lassen, die sie zwingen, sich wieder mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Aber dort ist für Margareta, Christina und Brigitta noch mehr verborgen als „nur“ eine unbekannte Schwester.

Majgull Axelsson schildert hier gekonnt vier Leben, die ähnlich starten aber doch ganz unterschiedlich verlaufen. Durch Rückblenden in Kindheit und Jugend der Frauen erfahren wir von Schmerz und Schuld, von Hoffnungslosigkeit und Lichtblicken und verstehen mehr und mehr warum die Schwestern sind wie sie sind.

Margareta ist freundlich und empathisch, doch der Verlust Ellens und ihrer gewohnten, beständigen und liebevollen Umgebung hat sie nachhaltig aus der Bahn geworfen. So hadert sie mit ihrem schier unendlichen Physikstudium und findet keine beständige Beziehung. Christina wirkt auf den ersten Blick recht hart und hat sich als Ärztin mit vermögendem Mann ein solides Leben aufgebaut. Doch unter der Oberfläche lauern immer noch die Traumata und Ängste aus ihrer Kindheit. Ganz anders ist es bei Brigitta: Auch an ihr sind gewisse Erlebnisse nicht spurlos vorbeigegangen. Doch schon damals reagierte sie mit Wut und einem grundlegendem Misstrauen gegen die Welt. Ihre einstige Schönheit hat der Alkohol vernichtet, von dem loszukommen sie schon lange aufgegeben hat.

Besonders diese so verschiedenen und absolut lebendig beschriebenen Charaktere machen den Roman aus. Ihre Beziehungen untereinander sind auf den Punkt beschrieben. Es ist oft hart zu lesen, was den Mädchen alles passiert ist und wie stark Eltern – in diesem Fall ausschließlich Mütter – die Leben ihrer Kinder negativ prägen können. Der Lichtblick ist hier meist Tante Ellen. Doch warum hat diese so positiv mütterliche Frau Desirée im Stich gelassen? Und wie ist es zu ihrem Unfall gekommen? Hat eine der Schwestern Schuld?

Auch positiv erwähnen muss ich Axelssons Schilderung des schwedischen Sozial- und Gesundheitssystems, speziell wenn es um Menschen mit Behinderung geht. Es ist unfassbar was noch vor ein paar Jahren gang und gäbe war. Wie ein einzelner Makel Menschen zu Außenseitern ohne Perspektive machte, die konsequent von ihrer Familie getrennt und schlimmer behandelt wurden als Gefängnisinsassen. Wer sich speziell für dieses Thema interessiert, dem sei Axelssons aktuellster Roman „Dein Leben und meins“ empfohlen!

Die einzigen Kritikpunkte sind ein paar Längen, die ich bei dem über 500 Seiten zählenden Roman aber verzeihen kann. Und das übernatürliche Element, das Axelsson hier einbaut hat mich erst stutzen lassen, weil es auf den ersten Blick so gar nicht zu dem sonst so realistischen Text passen will. Letztlich passt es sich aber gut ein und sorgt für einen Hauch schwedisch-folkloristische Mystik. 

Insgesamt hat mich „Die Aprilhexe“ sehr begeistert. Wahnsinnig tolle Charaktere mit denen man durch schwere Zeiten geht. Trauer, Verlust, Trauma und Hoffnung aus vier Perspektiven. Nicht ganz einfach aber besonders wegen des literarisch nicht alltäglichen Themas absolut lohnenswert. Das wird definitiv nicht mein letzter Roman dieser Autorin werden!

Kommentare

wandagreen kommentierte am 30. Juni 2020 um 20:36

Schön, dass du uns auf eine vielversprechende Autorin aufmerksam machst, Minzi. Werde sie gleich mal wunschzetteln, damit ich sie nicht vergesse.
 

katzenminze kommentierte am 30. Juni 2020 um 21:37

Vorbildlich! :)

Emswashed kommentierte am 30. Juni 2020 um 20:40

Ich habe sie mir auch gerade auf meine Liste gepackt... erinnert ein wenig an Baba Jaga.

katzenminze kommentierte am 30. Juni 2020 um 21:39

Die Autorin? XD

Emswashed kommentierte am 01. Juli 2020 um 08:57

Ne, die Geshichte, haha! Habs gestern im TT erstanden, das Buch ist also unterwegs zu mir. Danke nochmal für den Tipp!

katzenminze kommentierte am 01. Juli 2020 um 13:08

Oh, du bist aber schnell! Ich hoffe sehr, dass es dir gefällt! :)
 

wandagreen kommentierte am 01. Juli 2020 um 09:05

Dass ich da nicht selber drauf gekommen bin. Danke Ems für den Tipp.