Rezension

Wahrscheinlich die naivste Protagonistin aller Zeiten

Nur einen Horizont entfernt
von Lori Nelson Spielman

Bewertet mit 4 Sternen

Die TV-Moderatorin Hannah Farr hat in ihrem Sender in New Orleans eine eigene Show, doch in letzter Zeit geht ihre Quote immer weiter bergab. Als sie von einem der beliebtesten Sender Amerikas ein Jobangebot bekommt für das sie ein Exposé für eine Sendung entwerfen soll, kommt ihr die Idee über die Versöhnungssteine von Fiona Knowles, ihrer ehemaligen Mitschülerin zu schreiben, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Hannah hat dabei einen Vorteil: sie gehört zu den ersten 35, die von Fiona einen Brief, in dem sie um Verzeihung bittet, zwei kleine Kieselsteine und eine Anleitung bekamen. Für dieses Exposé sendet sie schließlich nach zwei Jahren einen Stein zurück, als Zeichen dafür, dass sie ihrer früheren Klassenkameradin vergibt, die sie jahrelang gemobbt hat. Die Anleitung sieht vor, den zweiten Stein an jemanden zu schicken, den man selbst um Vergebung bitten möchte. Hannah fällt sofort ihre Mutter ein, doch sie zögert, denn sie hat etwas Schreckliches getan, das das Leben ihrer Mutter grundlegend verändert hat. Zunächst scheut sie die Konfrontation mit den schmerzhaften Ereignissen von damals und dem Gespräch mit ihrer Mutter, aber es gibt jemanden, der ihr die Entscheidung abnimmt und damit Hannahs komplettes Leben auf den Kopf stellt.

"Nur einen Horizont entfernt" ist nach dem SPIEGEL-Bestseller "Morgen kommt ein neuer Himmel" der zweite Roman von Lori Nelson Spielman und bekommt von mir vier Sterne. Zunächst ist das schöne Cover hervorzuheben, das eine Veranschaulichung der nennenswerten Worte von Fiona Knowles zu ihrer Erfindung ist: "Wie die Samen des Löwenzahns wurden die Versöhnungssteine vom Wind davongetragen und verbreiteten sich" (S.10 Nur einen Horizont entfernt). In die Geschichte selbst habe ich mich schnell eingefunden, denn mir war Hannah schon von Beginn an sympathisch. Im Laufe der Zeit habe ich mich allerdings oftmals über ihre Naivität geärgert, die man eigentlich nicht mehr übertreffen kann. Sie glaubt bei jeder Person an das Gute im Menschen, meiner Meinung nach zu sehr, sodass sie ihrer intriganten Kollegin Claudia beispielsweise die Trumpfkarte förmlich auf dem Silbertablett serviert. Das Highlight des Buches waren aber die interessanten Nebencharaktere. So gibt es zum Beispiel Dorothy, eine blinde ältere Dame, die in einem Pflegeheim lebt und der Geschichte mit ihren amüsanten Sprüchen und Weltansichten die besondere Würze verleiht. Auch Hannahs Stylistin bei ihrem Sender darf nicht unerwähnt bleiben, denn mit ihrer unkonventionellen Art versucht sie, Hannah vor den Fehlern ihres Lebens zu bewahren, vor allem aber vor Claudia zu warnen. Wirklich toll finde ich außerdem die Idee der Versöhnungssteine. Während ich das Buch gelesen habe, musste ich oft darüber nachdenken, ob und wenn ja wem ich denn einen Stein schuldig wäre. In dem Buch sieht man aber nicht nur, welche befreiende Wirkung eine Versöhnung haben kann, sondern auch welche gewaltigen Auswirkungen verspätete Entschuldigungen oder Lügen hervorrufen können.

Wer nach einer spannenden Geschichte mit überraschenden Wendungen sucht, der kann dieses Buch eigentlich gleich wieder weglegen, denn es an einigen Stellen ziemlich vorhersehbar. Insgesamt kann ich diesen Wohlfühlroman aber auf jeden Fall weiterempfehlen, jedoch mit dem Tipp, es möglichst mit wenigen Unterbrechungen zu lesen.