Rezension

Welcome to Gotham Beach

Rocky Beach -

Rocky Beach
von Christopher Tauber

Bewertet mit 3 Sternen

Was, wenn Justus Jonas, Bob Andrews und Peter Shaw alias die drei ??? nicht für immer jung geblieben, sondern gealtert wären? Mit anderen Worten: Was, wenn man den berühmtesten Detektiven der deutschen Hörspiellandschaft ausgerechnet das nimmt, was sie ausmacht: ihre ewige Jugend?

Eine gewagte Idee. Denn eine riesige Fangemeinde liebt diese Kultserie gerade deshalb, weil sie sich über die Jahre hinweg inhaltlich kaum verändert hat: Mit nur wenigen Variationen, qualitativ schon mal schwankend, findet sich hier die immer gleiche Mischung aus mysteriösen Fällen, Sprüchen und unterhaltsamer Trashigkeit. Fast schüchtern schreibt Christopher Tauber in seinem Nachwort zu „Rocky Beach – Eine Interpretation“, diese Graphic Novel sei nur ein Angebot, einmal eine andere Reise zu unternehmen. Er würde sich freuen, wenn die Fans sein Angebot annehmen.

Das aber wird nicht jedem leicht fallen, fürchte ich. Tauber entführt uns in ein düsteres Anti-Rocky-Beach, eine Art Kleinstadt-Gotham-City. Zwar waren in Rocky Beach schon immer Verbrecher unterwegs, aber auch jede Menge liebenswerte Figuren. Nun laufen überall düsteren Machenschaften. Die Stadt wirkt trostlos. Als eine Lagerhalle abbrennt und die Versicherung greift, wird Peter (inzwischen Versicherungsangestellter) beauftragt, sich der Sache anzunehmen. So kehrt er beruflich zurück nach Rocky Beach und begegnet seinen alten Freunden, die er über die Jahre aus den Augen verloren hat.

Inzwischen sind sie in den Vierzigern und haben alle so ihre Probleme. Bob Andrews, Drehbuchautor, der seine „midlife crisis“ in Alkohol ertränkt und unter Impotenz leidet. Justus Jonas, der einen Buchladen in Rocky Beach führt und seinen Onkel Titus pflegt. Er muss irgendwie dort hängen geblieben sein. Aus seinem Leben und seinen Talenten hat er nichts gemacht. Er wirkt verbittert und kalt und hat nichts mehr mit dem abenteuerlustigen, neugierigen Just von vor über 20 Jahren gemein.

Drogendealer, korrupte Bullen, kaputte Figuren. Diese Interpretation ist ein kleiner Kulturschock mit nur wenigen humorvollen Anspielungen und einigen Flashbacks in frühere Zeiten, dafür viel Krimi noir Stimmung, die sich auch in den Zeichnungen spiegelt, die sämtlich in schwarz-weiß gehalten sind. Die Handlung selbst ist trotz vieler Klischees solide und nach einem zähen Anfang durchaus spannend, leidet aber teilweise unter Brüchen und Unklarheiten in Text und Bild. Mehr als einmal musste ich überlegen, wie sich bestimmte Zeichnungen in den Kontext einfügen. Auch die Schrift ist recht klein geraten. (Brillenträger haltet eure Sehhilfen bereit!)

Insgesamt ein interessantes Experiment, auf das ich mich als großer Fan der ??? gerne eingelassen habe. Allerdings kehre ich nach diesem teilweise doch etwas frustrierendem Ausflug leichten Herzens zurück in mein geliebtes, altes Hörspiel-Rocky-Beach.