Rezension

Wichtige Denkanstöße in experimenteller Darstellung...

Zusammenkunft -

Zusammenkunft
von Natasha Brown

Bewertet mit 3.5 Sternen

Experimentelle Art der Auseinanderestzung mit wichtigen Themen wie Rassismus, Klassismus, Sexismus, Kolonialismus - leider zu distanziert...

Die bis zum Schluss namenlose Ich-Erzählerin, eine junge schwarze Frau, hat es zu einem gut bezahlten Job in einer Bank, einer Eigentumswohnung in einem kernsanierten Townhouse und einem weißen Freund aus einer konservativen und wohlhabenden Familie gebracht. Dennoch gehört sie nie wirklich dazu. Die titelgebende "Zusammenkunft", eine Familienfeier auf dem Landsitz der Eltern ihres Freundes, zeigt dies zuletzt sehr deutlich.

Hart gearbeitet hat die Protagonistin, um ihre Karriere bei der Bank erfolgreich zu gestalten. Sie muss sich nicht nur als Frau gegenüber einer Männderdomäne behaupten, sondern auch als Schwarze in einer nach wie vor von Weißen geprägten Welt. Dabei erfährt sie ständig - zumindest subtil - Ausgrenzungen, Anfeindungen oder Demütigungen, obwohl sie es geschafft hat, die Grenzen der ihr zugedachten Lebensumstände zu überwinden.

Definiert wird die Protagonistin, über die nicht viele Details verraten werden außer weiblich, schwarz, erfolgreich, im Grunde über Einschränkungen durch andere. Der Chef, der sie wie eine Marionette dirigiert, wie es ihm beliebt. Die Kollegen, die ihr deutlich machen, dass sie durch die Aufmerksamkeit des Chefs als (ungerechtfertigt) bevorzugt gilt und dass ihr Erfolg nicht mit ihrem Talent sondern dem Wunsch der Vorgesetzten nach Diversität zusammenhängt. Die Mutter ihres Freundes, die ihr zu verstehen gibt, dass sie allenfalls ein Intermezzo darstellt, keinesfalls eine auf Zukunft ausgerichtete Partnerin für ihren Sohn. Und nun auch noch eine ernsthafte Erkrankung, der die Protagonistin nichts entgegenzusetzen beabsichtigt.

Die Ich-Erzählerin arbeitet hart, nimmt alles klaglos hin, beobachtet genau, reagiert jedoch nicht aktiv auf negative Aktionen durch andere. Die auf wenige Szenen konzentrierte, reduzierte Schreibweise ist gewöhnungsbedürftig, bietet flashlightmäßige Einblicke in das Leben und die Umstände der Ich-Erzählerin. Ich empfand die Darstellung als sehr nüchtern ("es ist eben so") und wenig emotional. Die szenische Erzählweise pointiert allerdings die "Anklagepunkte" der Autorin. "Und wenn es vielleicht auch nicht immer gelingt, Empathie zu erzeugen, so schafft das Schreiben und das Lesen doch eine Gelegenheit, Verständnis zu erzeugen und Standpunkte zu teilen." Das äußerte die Autorin in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Und ja, so in etwa erging es mir hier. Die Aussagen sind klar, ein Mitfühlen lässt die Ich-Erzählerin kaum zu. Höchstens ein Wütendsein an ihrer statt...

Der Roman endet nahezu willkürlich. Er lässt mich ratlos und unbehaglich zurück, weil die Dinge nicht gelöst sind - nicht der berufliche Werdegang, nicht der Umgang mit der Krankheit der Protagonistin, nicht die Zukunft der Beziehung mit ihrem Freund.

Eine experimentelle Art der Auseinandersetzung mit wichtigen Themen wie Rassismus, Klassismus, Sexismus oder auch Kolonialismus hat Natsha Brown hier gewählt. Eine Protagonistin, die dem Leser gegenüber sehr auf Distanz bleibt, die aber auch sehr deutlich macht, wie sehr nach wie vor althergebrachte Denkmuster dominieren und sie damit klein halten. Ein Buch, das speziell die verkrusteten Strukturen Großbritanniens anprangert, das aber auch weit darüber hinaus und viel allgemeingültiger auf gesellschaftliche Missstände hinweist.

Ich persönlich finde all diese Aussagen wichtig und richtig. Ich hätte mir nur eine zugänglichere Protagonistin gewünscht und einen weniger zerfaserten Roman.

 

© Parden