Rezension

Wurzeln und Rückbesinnung: eine blutige Historie

Alma - J. M. G. Le Clézio

Alma
von J. M. G. Le Clezio

Bewertet mit 4.5 Sternen

Kurzmeinung: Melancholisch, lyrisch, manchmal langatmig - atmosphärisch und traurig.

Der französische Autor Le Clézio, mit Preisen überschüttet, hat seine familiären Wurzeln in der Bretagne und auf der Insel Mauritius. Was liegt also näher als einen Roman über diese uns so ferne Inselwelten zu verfassen?

 Der Roman „Alma“ spielt auf zwei Zeitebenen. Jéremie, der zeitgenössische Icherzähler, reist unter der Vorgabe, Überreste des ausgestorbenen, flugunfähigen „Dodovogels“ zu suchen und sich mit deren Geschichte zu befassen nach Mauritius. Dort trifft er uralte, überlebende Zeitzeugen, die noch mit seinen, seinerzeit berühmten Ahnen „den Felsens“ bekannt waren oder jemanden kannten, der sie kannte. Er sucht seine Wurzeln. Aber all das ist schon lange her. 

 Die zweite Zeitschiene wird ebenfalls von einem Icherzähler bedient, von Dodo, dem illegitimen Spross derselben Ur-Familie, der jedoch auf der „falschen“ Seite von Alma lebte, da, wo man arm war und nicht berühmt und nicht anerkannt und eigentlich nicht existent. Das alles spielte sich ab, lange bevor der gemeinsame Ahnherr beider Zweige (der legitimen und der illegitimen Familie) in den Ruin getrieben wurde und der letzte direkte Nachkomme, Dodo, an Syphilis erkrankte, nach dem Tod seiner Eltern verstoßen wurde und als verträumter Bettler über die Insel wanderte, bis die Alten der Insel, die seine Familie noch kannten und ihn teilweise versorgten ebenfalls starben und er nur noch herumgestoßen, gedemütigt und verprügelt wurde. 

 

In diese, etwas wehmütigen Erinnerungen an die alten Zeiten auf Mauritius, fließen Elemente der Geschichte des Zuckerrohranbaus ein, die grausamen Details des Sklavenhandels und des Kolonialismus, des barbarischen Raubbaus an der Natur und des rohen Umgangs mit der endemischen Tierwelt. 

Man hat beim Lesen von „Alma“ viele Einzelgeschichten in einer Geschichte. Jedes Schicksal ist auf seine Weise grausam, deprimierend und traurig. Die Geschichte von Mauritius ist blutig. Ekelhaft. Deprimierend. Die Touristen wissen natürlich von nichts. Und wollen nichts wissen. Sie kaufen sich Sex und spielen sich auf! 

Fazit: Eine ernüchternde, nicht ganz einfach zu lesende, streckenweise mit zähen Längen versehene, traurige und wehmütige Besiedelungsgeschichte, die leider kein Einzelfall ist und wieder einmal zeigt, was der Mensch zum größten Teil darstellt und verkörpert: eine Bestie. 

Kategorie: Belletristik
Verlag, Kiepenheuer & Witsch, 2020

Kommentare

katzenminze kommentierte am 10. April 2020 um 23:04

Hmm, klingt ganz interessant. Melancholisch und atmosphärisch kriegen mich eigentlich immer. Aber irgendwie befürchte ich, mit Le Clezio werde ich nicht warm.

wandagreen kommentierte am 11. April 2020 um 00:33

Ich habs ein bisschen versteckt, aber unten hab ichs hingeschmuggelt: "streckenweise mit zähen Längen versehen" - lass es im Zweifel lieber bleiben.

katzenminze kommentierte am 11. April 2020 um 11:27

Ja, deswegen. Ich glaube das war auch das Problem mit dem Goldsucher.