Rezension

Die Zukunft ist jetzt: Wer könnte dies besser beschreiben, als William Gibson?

System Neustart - William Gibson

System Neustart
von William Gibson

Erst kürzlich noch stellte der Autor Gary Shteyngart (aktueller Roman: “Super Sad True Love Story”) in einem Interview fest, wie schwer es für einen Schriftsteller ist, einen zeitgemäßen Roman zu schreiben, wenn seine Fantasie dauernd von der Wirklichkeit überholt wird.

Es mag schwerer, als noch vor der Jahrtausendwende sein, denn wir leben in einer Welt, welche sich mittels Social Media immer dichter vernetzt und heute gültige Trends sind morgen schon nicht mehr gefragt.
Die Masse der Informationsflut scheint unüberschaubar, leicht kann man sich darin verirren, die Kunst ist es daher, sich in diesem Labyrinth zurechtzufinden und aus aktuell Unscheinbarem das zukünftig Wegweisende herausfiltern zu können.

William Gibson ist ein Visonär:
Bereits 1984 lieferte er mit „Neuromancer“ einen Roman ab, welcher das „Cyberpunk“ Genre begründete und durch welche Werke wie „Ghost in the Shell“, „Matrix“ oder auch die „Otherland“ Reihe von Tad Williams inspiriert wurden. Eine vernetzte Welt ist für ihn also ein alter Hut, was die Sache selbst aber nicht weniger interessant macht.

Von den vergangenen Cyberpunk-Stories ist das vorliegende Werk allerdings weit entfernt.
Doch wie weit wirklich?

“Systemneustart” (Originaltitel “Zero History”) ist das zweite Buch um Protagonistin Hollis Henry, aber der dritte Teil einer Trilogie (Teil 1 “Mustererkennung”, Teil 2 “Quellcode”). Es ist allerdings nicht notwendig, die beiden Vorgängertitel gelesen zu haben, “Systemstart” funktioniert auch wunderbar als Einzeltitel.
Die Länge der Kapitel variiert, einige sind ausschließlich 2 Seiten lang und spiegeln die Art des Erzählens wieder: Schnell und präzise, ohne jedoch den Blick fürs Ganze zu vernachlässigen:
Sowohl Buch als auch Trilogie sind ein Gesamtkunstwerk, welches sich aus vielen kleinen Mosaiksteinchen zusammensetzt.

Hollis Henry, ehemalige Sängerin der Band „The Curfew“, hat bereits in „Quellcode“ (Originaltitel „Spook Country“) im Auftrag von Millionär und Bohemian Hubertus Bigend recherchiert, im vorliegenden Werk ermittelt und reist sie nach London, um erneut für den wohlhabenden Belgier einer geheimnisvollen Spur nachzugehen.
Dies ist der Start einer turbulenten Geschichte, in welcher unter anderem die Bedeutung von Marken bzw. Brands in der heutigen globalisierten Gesellschaft zu tragen kommt:
Hollis soll die Person ausfindig machen, welche hinter dem Geheimlabel „Houndz“ steckt: Dieses Modelabel wird weder kommerziell vertrieben, noch beworben. Nur Eingeweihte wissen, wann und wo diese hochwertig gearbeiteten und mittlerweile in Kenner- und Sammlerkreisen sehr gefragten Artikel verkauft werden.
Eine interessante Schnitzeljagd beginnt, in welche neben Hollis auch weitere Charaktere aus der Vorgängerstory „Quellcode“ verwickelt werden. Die Spur führt nach Paris…

Wenn ich nun die Story als actionreich bezeichne, erwartet bitte keine bis an die Zähne bewaffneten Söldner, welche durch Großstadtdschungel jagen.
Die Action in „Systemneustart“ ist intelligent und facettenreich: Hier gibt es vielerlei Katz- und Mausspiele und Jäger, welche zu Gejagten werden; ein ehemaliger Offizier, welcher aus dem globalen Wettbewerb um die Vergabe von Armyaufträgen Kapital schlagen möchten; einen Extremsportler, welcher vom höchsten Gebäude der Welt springt; rasante Motorradkuriere; gepanzerte Pick-Ups und Bodyguards, fliegende Dronen und eine unerschrockene Gruppe, welche es mit dem Londoner CCTV aufnimmt, um dieses auszutricksen.
Zu der Action mischen sich Kapitel, welche sich mit Mode, Musikkultur, verrückten Zimmereinrichtungen und Beschreibungen technischer Gimmicks aller Art beschäftigen und der patchworkartigen Welt, in welcher wir uns bewegen, einen Spiegel vorhält. Für manche mag Stil und Handlung hektisch und verwirrend sein, für Liebhaber flotter, zeitgenössischer Literatur mit ungewöhnlichen Charakteren dagegen wird es ein sehr kurzweiliges Lesevergnügen darstellen: Neben den ganzen beschriebenen technischen Gadgets wird nicht außer acht gelassen, wie wertvoll und rar zum Beispiel ein gut zubereitetes englisches Frühstück sein kann.
Dies und die überzeugende Darstellung der Figuren verleihen der Story die nötige Dreidimensionalität, die klugen und überlegten Handlungen der Protagonisten runden alles passend ab und unterstreichen Werte, welche in einer schnelllebigen Gesellschaft wichtiger denn je sind:
Freundschaft, Vertrauenswürdigkeit und der Mut, einander aus der Klemme zu helfen.

Originaltitel: “Zero History”.
Übersetzt von: Hannes Riffel