Rezension

Dieses Buch ist wahrlich ein Traum

Schattendämonen 1 - Nybbas Träume - Jennifer Benkau

Schattendämonen 1 - Nybbas Träume
von Jennifer Benkau

Bewertet mit 5 Sternen

… und außerdem nicht mehr aus der Hand zu legen.

„Ich habe dir den Schlüssel zu einer Tür geschenkt, hinter der meine größte Angst gefangen ist. Vielleicht brauchst du ihn mal.“ (Nicholas, S. 260, Nybbas Träume)

Meinung:

Seinen Opfern raubt der Nybbas Gefühle und Emotionen, den Lesern raubt er den Schlaf.
Diesmal keine Vampire, Werwölfe, Gestaltenwandler, Unsterblichenkrieger… nein: Dämonen, Schattendämonen! Sie nehmen von anderer Leute Körper Besitz um den Clerican zu entkommen und besseren Zugang zu ihrer menschlichen Beute zu haben. Denn nur ihre menschliche Hülle ist auch auf menschliche Nahrung angewiesen, doch der Schatten, der sich in ihr verbirgt, verlangt nach der Lebensessenz seiner Opfer. Dieser mörderischen und selbstsüchtigen Spezies gehört auch der Nybbas an.
Bevorzugte Nahrung: Emotionen in allen Geschmacksrichtungen, mit einer leichten Eifersucht-Intoleranz. Bis zur Gefühlslosigkeit kann er seine Opfer aussaugen, natürlich nicht ohne vorher noch ein bisschen mit ihnen zu spielen. Er passt sich den Menschen an, durchschaut sie und manipuliert sie – ein echter Gaukler halt. Auch vor Morden schreckt der sympathische Dämon nicht zurück… Halt! Sympathisch? Während welches Kapitels dieses Buches habe ich eigentlich Sympathie für einen Mörder und Seelenräuber entwickelt? Gar nicht. Und das ist der Punkt.
Die Autorin lässt dem Nybbas viel Raum, um sich zu verändern und weiterzuentwickeln. Leider oder zum Glück (ich konnte mich bis jetzt nicht entscheiden) verläuft seine Entwicklung nicht nach Schema X, sprich: böser Junge sieht gutes Mädchen, verliebt sich Hals über Kopf in sie und gehört ab sofort auch zu den Guten. Nein, so dynamisch der Charakter des Nybbas sich auch entwickelt, so geheimnisvoll, vielschichtig und interessant bleibt er auch. Das heißt also, zu Joanas Leidwesen trifft ihn weder die Liebe-auf-den-ersten-Blick wie auf den Schlag, noch ein magischer Blitz oder sonstiger Zauber, die ihn zu Mr. Perfect machen und Joanas (und des Lesers) eigene Moralvorstellungen einverleiben. Der ganze mühselige Verwandlungsprozess muss von Joana angetrieben werden. Muss? Hat sie sich nicht in genau diesen Nicolas/Nybbas verliebt? Sollte sie ihn jetzt verändern wollen? Moral und Liebe streiten nicht nur in der jungen Frau, sondern auch der Leser rätselt mit, ob er sein Herz nicht einer eingebildeten Idealvorstellung verschrieben hat. Kann Joana denn wirklich die Seite an ihm ignorieren, die jeder Faser ihres Körpers – und auch des Erben, dass sie in sich trägt – widerspricht? Auf jeden Fall muss Joana sich schnell entscheiden, denn das Böse schläft nicht. Vor allem, wenn es in Begriff ist, einen seiner besten Mitstreiter an die Liebe zu verlieren.

Sympathisch oder nicht? Das muss wohl jeder am Ende für sich selbst entscheiden.
Für mich liegt hier der einzige Kritikpunkt. Ich wollte mir während des Lesens nicht erlauben für einen Mörder, der Unschuldige umbringt und seine Taten nicht bereut, Sympathie zu empfinden. So hat sich in meinen Augen der Charakter des Nybbas in den eines einfühlsamen und selbstlosen Geliebten und den eines gefühlskalten und selbstsüchtigen Mörders gespalten. Wegen dem Fehlen der Reue. Aber die kommt ja vielleicht noch in Band 2.

Die Charaktere von Joana, der taffen, starken und schlagfertigen Heldin, Nicholas, dem untypischen teil-sympatischen Antihelden, aber auch von den Antagonisten (Alexander, Lillian,…) und nicht zu vergessen dem charmanten Racheengel Elias (von dem ich gerne noch mehr lesen würde), sind präzise, detailliert und nachvollziehbar gezeichnet. Die neue und gefährliche Welt der Dämonen reißt nicht nur Joana sofort mit.

Jennifer Benkau zieht den Leser mit ihrem Schreibstil und ihren ausgeschmückten, aber stets direkten Formulierungen in den Bann und lässt ihn nicht los, bis er nicht auch die letzte Seite gelesen hat. Besonders während des langen und besonders spannenden Show-Downs, mit vielen überraschenden Wendungen, klebt einem das Buch buchstäblich an der Hand.
Das Ende dagegen ist sehr ausgewogen zwischen Entspannung (der Leser darf endlich wieder zu Atem kommen) und neuen Geheimnissen, die vermutlich/hoffentlich in den nächsten beiden Bänden gelüftet werden. Die Autorin versteht es auch, den Leser am Schluss an anfängliche Rätsel zu erinnern, sodass er sich in dem guten Gewissen befindet, dass die Geschichte von Joana und dem Nybbas noch lange nicht zu Ende ist.

Zur Autorin:

Mit ihrem Debütroman „Nybbas Träume“ ebnet Jennifer Benkau den Weg in die Nybbas-Triologie. Mit ihrer flüssigen Sprache und ihrem Einfallsreichtum sahnt sie auch mit „Phoenixfluch“ und ihrer Neuerscheinung „Dark Canopy“ jede Menge gute Kritik ab.
Die Nybbas-Reihe im Überblick:
- 01 Nybbas Träume
- 02 Nybbas Nächte
- 03 Nybbas Blut

Mein Fazit:

„Warum nur muss alles Kostbare sterblich sein und enden? Weil das die Dinge wertvoll macht, beantwortete er sich selbst seine Frage. Die Vergänglichkeit, die jedem Augenblick Bedeutung beimisst.“(S. 405, Nybbas Träume)

Wie passen Gut und Böse zusammen? Und wer überwiegt am Ende? Mit „Nybbas Träume“ legt Jennifer Benkau ein wahrlich traumhaftes Debüt hin.
Der Nybbas giert nach Emotionen und der Leser nach den Fortsetzungen.