Rezension

Dystopie auf Sizilien - wenn Kinder ohne Eltern groß werden

Anna
von Niccolò Ammaniti

Bewertet mit 3 Sternen

Als auf Sizilien der erste Patient an der Seuche erkrankt, hat sich das mutierende Virus längst weltweit verbreitet. Erwachsene sterben an der Krankheit, Kinder scheinen immun zu sein. Warum Jugendliche mit Einsetzen der Pubertät automatisch erkranken und unweigerlich sterben, weiß Anna nicht und auch mir ist keine überzeugende Erklärung dafür eingefallen. In einer feindseligen Welt müssen Kinder nun allein Nahrung beschaffen und die Dunkelheit aushalten, die einsetzt, als endgültig der Strom ausfällt. Wie alle anderen muss Anna bereit zum Töten sein, um selbst zu überleben. Noch kurz vor ihrem Tod verpflichtete Annas Mutter die damals Achtjährige, sich um ihren jüngeren Bruder zu kümmern, und schreibt in ein Buch der wichtigen Dinge, was ihre Tochter zum Überleben ohne Erwachsene brauchen wird. Inzwischen ist Anna 13 und laviert zwischen der Verantwortung für den kleinen Astor und der Nahrungsbeschaffung in leer stehenden Häusern und Läden. Irgendwo leben Kinderbanden, und irgendwo soll es eine „kleine Riesin“ geben, die gegen die Krankheit immun ist und von der man sich Heilung erhoffen könnte. Vieles könnte einfacher sein, wenn Anna sich nicht um Astor sorgen müsste, der ihre Erklärung der Welt außerhalb der Wohnung zunehmend infrage stellt.

Ammaniti verarbeitet die Urangst von Eltern, ihre Kinder könnten allein zurückbleiben, ehe sie zum Überleben nötige Fertigkeiten lernen konnten. Annas Überlebensversuch demonstriert eindringlich, dass das „Buch der wichtigen Dinge“ letztlich abstrakt bleiben muss und ihr bei Problemen nicht helfen kann, die die Mutter nicht voraussehen konnte. Mich hat in seinem dystopischen Roman interessiert, wie Anna auf sich gestellt vom Kind zur Jugendlichen reift und was sie vorwärts treibt, wenn sie sich mit keinem Erwachsenen und keinem Gleichaltrigen auseinandersetzen muss. Da der Autor dieser Frage nicht nachgeht, empfand ich die Handlung als wenig spannend und auch die explizite Darstellung vom Zustand diverser Leichen hat mich nicht angesprochen. „Anna“ enthält durchaus Szenen und Formulierungen, die mich noch lange nach der Lektüre beschäftigten; was die Person der 15-Jährigen Protagonistin ausmacht, konnte es mir nicht überzeugend vermitteln.