Rezension

Könnte direkt aus Austens Feder stammen - wundervoll!

Miss Bennet -

Miss Bennet
von Janice Hadlow

Bewertet mit 5 Sternen

"Es ist eine traurige Tatsache, dass eine junge Frau, die unglücklicherweise ohne die geringsten Aussichten auf die Welt kommt, gut daran tut, wenigstens als Schönheit geboren zu werden. Arm und hübsch zu sein ist schon schlimm genug; aber bettelarm und unansehnlich zweifellos ein hartes Schicksal."

Dieser Schmöker von 700+ Seiten war viel zu schnell ausgelesen, das sagt eigentlich schon alles, oder?!

Ihr Lieben, ich konnte mein Glück kaum fassen. - Janice Hadlow ist mit diesem herausragend geschriebenen Meisterwerk etwas gelungen, was ich nie für möglich gehalten hätte: Ihr Schreibstil ist so nah an der Erzählkunst meiner auf ewig verehrten Lieblingsautorin Jane Austen dran, dass man zwischenzeitlich meinen könnte, es handele sich um ein weiteres Austen-Original. Wow, wow, wow!

Ich erlebte die Ereignisse aus meinem 'Lieblingsbuch auf Lebenszeit' (= "Stolz und Vorurteil") aus der Perspektive der unscheinbarsten Bennet-Schwester. Neben der klugen, wortgewandten, humorvollen Elizabeth, der bildhübschen, sanftmütigen Jane, der übermütig-frechen, stürmischen Lydia und der an Lydias Lippen und Rockzipfel hängenden Kitty verblasst die ruhige Mary aka das Sandwich-Kind der in Longbourn ansässigen Familie komplett. "[…] ihre Schwestern überstrahlten ihre Unscheinbarkeit, ja, schienen ihre Existenz gänzlich auszulöschen." Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Mary jemals heiraten, geschweige denn wahre Liebe erfahren wird. Für ihre Eltern, speziell für ihre Mutter, ist sie eine einzige Enttäuschung. 

"Inmitten einer großen Familie war sie mutterseelenallein."

Diese Geschichte hat mir sowas von das Herz gebrochen! Ich habe ja generell ein Faible für Underdog-Charaktere und hatte mich schon immer gefragt, wie Marys Sicht der Dinge wohl aussehen würde. Sagen wir’s mal so: Meine heimliche Sympathie für Mama Bennet bleibt einzig im Austen-Werk bestehen, hier jedoch verpuffte sie binnen weniger Zeilen und wandelte sich in tiefe Abneigung. Es ist mir unbegreiflich, wie man so lieblos und gehässig dem eigenen Kind gegenüber sein kann. Ernsthaft, ich war fassungslos. 

"Mary hatte den Fehler begangen, weder das Aussehen noch den Charme der anderen weiblichen Familienmitglieder zu erben. Diese Sünde war in Mrs Bennets Augen unverzeihlich, wie Mary schon früh begriff."

Von der ersten Zeile an tauchte ich tief in die mir so wohlvertraute Storywelt ab, litt mit Mary mit, verdrückte im Laufe der Handlung einige Tränen und wünschte der warmherzigen, von ihrem Umfeld permanent missverstandenen und ungerecht behandelten jungen Protagonistin alles Glück der Welt. 

Papa Bennets gleichgültiges, rücksichtsloses Verhalten Mary gegenüber entsetzte mich, selbst Lizzie und Jane sah ich dank dieses gänzlich neuen Blickwinkels plötzlich in einem mitunter unschmeichelhaften Licht, während andere Figuren wie Charlotte oder Mr. Collins nicht nur aufgrund ihrer Rolle, sondern auch wegen ihrer facettenreichen, tiefgründig ausgearbeiteten Wesenszüge eine willkommene Überraschung darstellten. 

Gekonnte bedient sich die Autorin bedeutsamer Plot-Elemente aus "Pride and Prejudice", lässt sie - versehen mit einem Twist - spielerisch in die neue Geschichte einfließen; so findet beispielsweise das legendäre Gespräch zwischen Lizzie und Lady Catherine de Bourgh hier zwischen Mary und einer anderen Dame statt. Herrlich!

Fazit:
Herzzerreißend und traumhaft schön zugleich, ich bin begeistert! Dieses Werk ist ein absolutes Must-Read für jede Janeite (sowie für alle Regency-Fans und Leser:innen von historischen Frauenromanen). Hoffentlich beglückt uns Janice Hadlow ganz, ganz bald mit einem weiteren Regencyroman!