Rezension

So wie Habeck in seinem Buch und in den aktuellen Debatten einen ganz anderen Ton setzt und Hoffnung weckt, Lust auf Politik macht, könnte seine Stimme zusammen anderen eine Erneuerung bringen, auf die das Land wartet

Wer wir sein könnten - Robert Habeck

Wer wir sein könnten
von Robert Habeck

Bewertet mit 5 Sternen

Robert Habeck, Wer wir sein könnten, Kiepenheuer & Witsch 2018, ISBN 978-3-462-05307-4

 

Seit er zusammen mit Annalena Baerbock die Grünen führt, die dortigen Grabenkämpfe überwunden scheinen und die Grünen in Bayern und Hessen in einem regelrechten Hype ihre Stimmen geradezu verdoppelt haben, ist der ehemalige schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister und Schriftsteller Robert Habeck in aller Munde. Fast wöchentlich ist er gern gesehener Gast in den Talkshows der Fernsehsender, nicht nur weil er Erfolg hat, sondern weil er wirklich was zu sagen hat. Denn wenn Robert Habeck spricht, spürt man einen anderen Ton. Seine Statements wollen nicht verletzen, er orientiert sie an der praktischen Vernunft, soweit es im täglichen Politikgeschäft geht.

 

In seinem neuen Buch, das er wahrscheinlich in der Sommerpause geschrieben hat, als noch nicht abzusehen war, dass die Grünen in Bayern und Hessen auf nie geahnte Größe wachsen und auch in den Umfragen im Bund schon längst die SPD und  die AfD überholen würden, gibt er Rechenschaft über diese Sprache, der er sich verpflichtet weiß.

Denn nach einer langen Zeit, die eher von politischer Sprachlosigkeit geprägt war, ist  eine Zeit des politischen Brüllens und Niedermachens angebrochen – nicht nur von Seiten der AfD. Doch was passiert da eigentlich genau? Wo verläuft die Grenze zwischen konstruktivem demokratischem Streit und einer Sprache, die das Gespräch zerstört, die ausgrenzt, entmenschlicht? Und ist das alles nur eine Frage des mangelnden Stils?

Robert Habeck sagt: „Wie wir sprechen, entscheidet darüber, wer wir sind – auch und gerade in der Politik.“

In dem hier vorliegenden schmalen Band träumt er davon „wer wir sein könnten“, „warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht und bringt damit zum ersten Mal seit langer Zeit so etwas wie Phantasie und Utopie in die Debatte um den Weg, den unsere mittlerweile doch arg zerrissene und gespaltene  Gesellschaft gehen sollte. Habeck entwirft die Skizze eines politischen Sprechens, das offen und vielfältig genug ist, um Menschen in all ihrer Verschiedenheit zusammenzubringen und in ein Gespräch darüber zu verwickeln, wer wir sein könnten, wer wir sein wollen.

 

Egal, ob man Robert Habeck im Fernsehen beobachtet oder beim hessischen Straßenwahlkampf mit ihm ins Gespräch kommt ( er war in meinem Wohnort), begegnet man einem Mann, der den Erfolg nicht für sein Ego braucht, dem es um die Sache geht, der zunächst einmal zuhört und nachdenkt, bevor er mit einer Sprache spricht, die auch Andersdenkende einlädt und nie ausgrenzt.

 

Wenn nun nach dem Rücktritt von Angela Merkel vom Vorsitz der CDU und dem immer wahrscheinlicher werdenden vorzeitigen Ende ihrer Kanzlerschaft neue Kräfte in der CDU, Christian Lindner und seine FDP und eben Robert Habeck mit den mittlerweile einigen Grünen möglicherweise eine Jamaikakoalition schmieden, die etwas abbilden kann von einer neue Politik auch in der Sprache und im gegenseitigen Umgang, dann werden sie versuchen zu bewirken, dass unsere zerrissene Gesellschaft wieder mehr zusammenwächst und so die AfD irgendwann kein Gehör mehr findet mit ihren Hassbotschaften.

 

Zu optimistisch? Vielleicht. Doch so wie Habeck in seinem Buch und in den aktuellen Debatten einen ganz anderen Ton setzt und Hoffnung weckt, Lust auf Politik macht, könnte seine Stimme zusammen anderen eine Erneuerung bringen, auf die das Land wartet.