Rezension

„Was am anderen Ufer ist, hängt davon ab, was man dort sucht.“ Fortsetzung mit weitschweifiger Wiederholung aus dem ersten Teil

Die Ermordung des Commendatore. Bd.2 - Haruki Murakami

Die Ermordung des Commendatore. Bd.2
von Haruki Murakami

Bewertet mit 4 Sternen

Was im ersten Band geschah:
Ein junger namenloser Porträtmaler bewohnt als Haussitter ein einsam gelegenes Haus in der Nähe von Odawara, das dem Vater eines Malerkollegen gehört. Er findet auf dem Dachboden ein einziges geheimnisvolles Gemälde, „Die Ermordung des Commendatore“. Zwischen der Familiengeschichte der Hausbesitzer Amada (Masahiko Amadas jüngerer Bruder nahm 1937 an der Eroberung von Nanjing teil) und dem Gemälde könnte es einen Zusammenhang geben. In der Folge wird auf dem Grundstück des Hauses unter einem Tumulus eine sorgfältig gemauerte Grube freigelegt, die für einen Brunnenschacht zu groß erscheint. Seit der Freilegung des Schachts geschehen im Haus sonderbare Dinge. Der Nachbar Wataru Menshiki gibt beim Icherzähler ein Porträt der dreizehnjährigen Nachbartochter in Auftrag, für deren Vater er sich hält.

Inhalt Band 2:
Übergangslos folgt im zweiten Band das nächste Kapitel; sehr ausführliche Rückblicke zu den vorhergegangenen Ereignissen werden in die Handlung eingebunden. Marie Akikawa, ein puppenhafter, kunstinteressierter Teenager, erscheint mit ihrer Tante Shoko als Anstandsdame weiterhin zu Sitzungen für ihr Porträt. Marie und der Maler scheinen Seelenverwandte zu sein, verbunden durch den frühen Tod eines nahestehenden Menschen. In der einsamen bewaldeten Gegend scheinen der Maler, die Akikawas und Menshiki weit und breit die einzigen Bewohner zu sein. Menshiki beobachtet von seinem Grundstück aus intensiv seine Nachbarn, Marie kontrolliert dezent eifersüchtig, ob Menshiki um ihre Tante wirbt, das Verhältnis zwischen Maler und Modell könnte ebenfalls als gegenseitige Beobachtung interpretiert werden. Der Ton, in dem der Icherzähler die körperliche Entwicklung seines dreizehnjährigen (!) Models beschreibt, ließ mich hoffen, dass die Sitzungen bald ein Ende finden und beim Maler endlich der Knoten platzt, der seine Vergangenheit und die Geheimnisse des Hauses Amada verknüpft. Während die magische Kraft der gemauerten Grube und des Waldes deutlicher wird, erscheint Marie eines Tages nicht zu ihrem Malkurs beim Erzähler und verschwindet. Auf der Suche nach ihr betritt der Maler die Unterwelt und damit das Land der Metaphern. Der Commendatore, der aus seinem Gemälde in die Handlung treten kann, fantastische Träume und eine deutliche erotische Symbolik der Landschaft drängten mir trotz meiner westlichen Sozialisation die Überzeugung auf, dass im Umkreis des Hauses Amada Dinge und Landschaft belebt sind und selbstständig handeln. Zeitfalten oder Zeittunnel in den als heilig betrachteten Bergen Japans verwundern in einem derartigen Setting nicht. „Was am anderen Ufer ist, hängt davon ab, was man dort sucht,“ trifft der Mann ohne Gesicht die Verhältnisse exakt.

Fazit:
Murakami mäandert in seinem zweiten Teil in großen Schleifen durch eine Parallelwelt, scheint um des Erzählens willen zu erzählen und regte mich zu allerlei Assoziationen zum Thema Natur und Unterwelt an. Wenn zwischen dem Erscheinen von Band 1 und 2 einige Monate vergehen, können Wiederholungen recht angenehm sein. Wer beide Bände direkt aufeinander folgend liest, wird von dem Konzept aus zwei Bänden zu je 500 Seiten weniger begeistert sein. Mir hätte ein kürzerer Text in einem Band besser gefallen, deshalb Punktabzug für Band 2 wegen der ausschweifenden Wiederholungen.