Rezension

Fesselnd, historisch wertvoll und poetisch schön!

Für immer mein
von Ellen Dunne

Bewertet mit 5 Sternen

Der leichtlebige Ghostwriter Tarek Waldmann nimmt einen Auftrag einer älteren Dame in Wien an. Er soll die Biografie von Helga Wolff niederschreiben. Dazu muss der in der DDR geborene, als Säugling adoptierte und seit Jahren in Dublin lebende Mitdreißiger in seine alte Heimat Wien reisen, wo auch seine (Adoptiv-)Eltern leben und zufälligerweise demnächst ein Klassentreffen ansteht. Fasziniert von Helgas Erzählungen  verspürt Tarek mehr und mehr den Drang, sich auch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinander zu setzen. Dies und außerdem die Begegnungen mit alten Klassenfreunden und –feinden entfachen einen Sturm komplizierter und dramatischer Ereignisse…

Ellen Dunne beginnt diesen Roman unter Vorwegnahme des Schlusses (zumindest teilweise), was mich anfangs schon leicht irritiert hat. Man ahnt, dass einiges passieren wird, ist aber völlig orientierungslos. Dann aber zurück zum Anfang. Stück für Stück folgt die Aufklärung. In ruhigem Tempo und sehr liebevoll erzählt die Autorin einerseits aus der Sicht Tareks und zum anderen aus der Sicht Helgas, die ihre Gedanken in Briefen an ihren verstorbenen Mann niederschreibt. Später dann können wir die Entstehung der Biografie mitverfolgen – Auszüge aus der Niederschrift Tareks. Spätestens jetzt wird der Roman historisch richtig interessant. Themen wie Republikflucht aus der DDR, Fluchtversuche und ihre Folgen sowie Zwangsadoptionen in diesem Zusammenhang fesseln und machen ein ums andere Mal sprachlos, wütend, traurig. Hier hat die Autorin gute Recherchearbeit geleistet. Die Geschichte nimmt langsam an Fahrt auf, behutsam und stetig.

Die Charaktere sind großartig gezeichnet: Tarek zum Beispiel, der leichtlebige, orientierungslose junge Mann voller Sentimentalität und Selbstzweifel (toll!). Oder die nach außen so taffe Helga – jedoch gefangen in ihrer Vergangenheit – absolut nachvollziehbar und bewegend. Aber auch die Nebencharaktere Valerie, Lina, Gero+Marina, Heiner… sind sehr gut getroffen und authentisch.

Sprachlich hat mich Ellen Dunne wiederholt sehr begeistern können. Zart-fließend, immer wieder mit poetischen Momenten, die zu Herzen gehen. Aber auch wiederum nicht zu sentimental.  Eine sehr angenehm zu lesende Schreibweise. Nur manchmal ist mir passiert, dass ich einen Satz bestimmt dreimal gelesen habe, um ihn inhaltlich korrekt zu erfassen. Da regnet es plötzlich Kommas und ich habe am Ende des Satzes nicht mehr die Verbindung zu seinem Anfang gefunden ;) Das ist aber nicht oft passiert und ohnehin eher Jammern auf hohem Niveau ;)

Fazit: Familienroman einmal anders - bewegend, spannend, historisch interessant und beeindruckend, soghaft dramatisch. Und schließlich ein rundes Ende mit poetischem Glanz. Großartig! Dicke Leseempfehlung!