Rezension

Vulkanismus und andere Ismen

Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna -

Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna
von Eugen Ruge

Bewertet mit 5 Sternen

Der wohl berühmteste Vulkanausbruch in der Antike war der Vesuv (79 n.Chr.) und hat viele Pompejianer überrascht. Noch heute sind die Abdrücke und ausgeformten Hohlräume ihrer Leichen in den ausgegrabenen Ruinen zu bestaunen. Angesichts dieses schauerlichen Denkmals fragt man sich, ob die Menschen nicht gewarnt waren und allerlei Gedankenspiele beflügeln die Vorstellung dieses Ereignisses. Eugen Ruge hat daraus seine ganz eigene Version komponiert.

Die Zeit errechnet sich nach den verstrichenen Jahren der Gründung Roms, so schreiben wir die Jahre Achthundertund.... die Christen sind noch nur eine unbedeutende Sekte. Der auktoriale Erzähler ist Zeitgenosse und Augenzeuge der Vernichtung Pompejis und erinnert an die Geschehnisse davor, als die ersten toten Vögel am Fuße des Berges gefunden werden. In 18 Schriftrollen weiß er von allen wichtigen und emporsteigenden Persönlichkeiten der Stadt, von ihren Absichten und teils pikanten Unternehmungen zu berichten. Deshalb möchte er sein Zeugnis gut verschlossen wissen, denn "keine Katastrophe passiert zweimal auf dieselbe Art", den Toten kommt die Warnung zu spät, doch nachgeborene Generationen "mögen klüger, vernünftiger und reifer sein" und diese "Farce mit Vergnügen lesen".

Jowna, alias Josephus, genannt Josse ist der tragische Held in dieser Geschichte. Er ist der Sohn eines pannonischen (ungarischen) Metzgers, der über Rätien (Bayern) nach Kampanien einwandert und also Ausländer in Pompeji, ein Protektorat Roms, ist. Ein Jahr bereits geht Josse zur Schule, als diese und auch ein Großteil der Infrastruktur durch ein Beben zerstört wird. Ab da lungert die Jugend des Städchens herum, die Erwachsenen murren, weil Hilfe aus Rom nicht anlaufen will und Spekulanten quetschen aus den Ruinen auch noch das letzte Bißchen Gewinn.

Freizeit und Ventil wird im "Hühnerstall" gesucht, wo die Jugend sich versammelt, quatscht und streitet. Josse ist eher stiller Beobachter und aufsaugender Schwamm für Ideologien, Fremdwörter und Wissenschaftsvorträge. Unter anderem wollte man dem Vogelsterben auf den Grund gehen und ein geladener Experte behauptete, dass der Monte Somma, der viel größere Nachbar des Vesuvs, ein Vulkan sei, der ausbrechen werde. Fasziniert von dieser Idee, setzt Josse zu seiner ersten Rede an, die nur aus einem Satz besteht, nämlich dass man sich angesichts der Immobilität des Berges halt selbst von der Stelle bewegen müsste. Kurzum, der Vulkanverein wird gegründet und man zieht ans Fenster zum Meer (Küste), um nicht nur Korruption und Bevormundung zu entkommen, sondern auch eine eigene neue Stadt zu gründen.

Diese Unabhängigkeit passt weder Rom, noch Pompejis Politiker und bald schon beginnt das Gezerre um die richtigen Leute. Josse gerät in die Arme einer schönen und mächtigen Frau, verrät Freunde. Geld und Macht locken, aber Josses fünfte und letzte Rede wird machtvoll und endgültig vom Vesuv selbst kommentiert.

Ruges Roman mag aus der großen Sammlung von Büchern, Filmen und Dokumentationen zum Ausbruch des Vesuvs stammen und doch hat er hier ein Alleinstellungsmerkmal verdient, weil er aus den bekannten Ereignissen ausbricht. Sein fiktionaler Held durchlebt eine verunsicherte, unter römischer Knute unzufriedene und korrupte Gesellschaft im Schatten ihres Untergangs. Alle sind mit ihrem Aus- und Fortkommen derart beschäftigt, dass die unmittelbare Gefahr ignoriert wird. Dabei wird das Zeitgeschehen nur ein einziges Mal vorauseilend verlassen für den Bericht nach dem Ausbruch, ansonsten werden dem Wissen und den Möglichkeiten nichts Zukünftiges hinzugefügt, Pikantes allerdings auch nicht verschämt verschwiegen. Und doch wurde ich das Gefühl nicht los, dass Ruge mir etwas über meine Zeit und meine Entscheidungen erzählen will.

Der Leser darf selbst beurteilen, ob er klüger, vernünftiger und reifer ist, um aus dieser, für uns vergnüglichen, Reise an den Schauplatz der verpatzten Entscheidungen die richtigen Schlüsse zu ziehen, denn diese bleiben für hier und heute ungesagt und sind doch mit jedem Satz latent sichtbar.

Ruge weiß mit seinen Protagonisten umzugehen, er schont sie nicht, er stellt sie bloß, er lässt sie all das durchleben, was er anzuprangern sich zur Aufgabe gemacht hat. Dabei ist er vergnügt, augenzwinkernd und präzise, damit all seine Eindeutigkeiten ihre Zweitbedeutungen auf festen Füßen offen, verborgen zur Schau tragen können. Darin ist er ein gerngelesener, ungeschlagener Meister.

Kommentare

wandagreen kommentierte am 31. Mai 2023 um 22:03

Schön geschrieben, ich ahne dein Nachdenken beim Lesen. Aber das Thema finde ich uninteressant. Man hat halt so seine Prioritäten. Und das Gegenteil. Ein Thema, das immer und immer wieder ausgeschlachtet wird. Und Ruge schreibt zwar "schön", aber er ist auch ein furchtbarer Umstandsmeier. Haben sich die Warnenden an die Höhlenwände geklebt?
 

Emswashed kommentierte am 01. Juni 2023 um 08:47

Wenn Du mit Umstandsmeier meinst, dass er nicht aufschreibt, was er eigentlich meint, dann hast Du recht. Aber ich mag Satire und Ironie, vor allem wenn sie so pointiert geschrieben ist.