Rezension

Der Preis der Wahrheit...

In Almas Augen
von Daniel Woodrell

Bewertet mit 5 Sternen

Die Zeit vergeht, aber sie heilt nicht alle Wunden. Vor allem wenn ein Verbrechen geschehen ist. Daniel Woodrell steigt in seinem neuen Roman hinab in die versehrte amerikanische Seele des 20. Jahrhunderts. Ein Buch über eine Frau, die für Gerechtigkeit kämpft und einen hohen Preis dafür zahlt...

In einer Kleinstadt in Missouri kommen bei einer sommerlichen Tanzveranstaltung im Jahr 1929 über 40 Menschen ums Leben, als die Arbor Dance Hall durch eine Explosion zerstört wird und in Flammen aufgeht. Fast jede Familie in der Kleinstadt hat einen Verlust zu betrauern, und Entsetzen legt sich über die Stadt. Viele Gerüchte über die Tragödie kursieren in jenen Tagen, falsche Geständnisse und unzählige Verdächtigungen sind an der Tagesordnung. Doch die wahre Ursache der Explosion wird nie ermittelt, und die Große Depression, die kurz darauf über Amerika hereinbricht, lässt die Frage nach Unfall oder Absicht rasch in den Hintergrund treten.
Nicht so jedoch für Alma DeGeer Dunahew, eine Haushälterin aus ärmlichen Verhältnissen, die allein für ihre drei Kinder sorgen muss und bei der Explosion ihre zehn Jahre jüngere Schwester Ruby verloren hat. Alma weiß zu viel, um an einen Unfall zu glauben, und stellt Fragen, die zunehmend auf Unmut stoßen. Ihre Nachforschungen bedrohen die Mauer des Schweigens der Kleinstadt, doch sie ist diejenige, die den Preis dafür zu zahlen hat. Ihr Arbeitgeber wirft sie raus, ihre Familie wendet sich von ihr ab - und erst vierzig Jahre später enthüllt Alma ihre Wahrheit über jene schicksalshafte Nacht.

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"Alma hatte die Schule bis zum Ende der dritten Klasse besuchen dürfen, dann musste sie ein paar Jahre auf den Feldern ihres Vaters arbeiten, bevor sie den Weg in die Stadt fand und Wäscherin, Köchin, Dienstmagd wurde. Sie verlor zwei Söhne, ihren Ehemann, ihre Schwester und verdiente wenig. Meist stand sie nur einen zerschlagenen Teller oder ein lautes Widerwort vor der völligen Armut. Sie war ängstlich und wütend, führte ein Leben voller Groll, voller Anfeindungen und kalter Erinnerungen an all jene, die uns je geärgert oder etwas angetan hatten. Alma DeGeer Dunahew war mit iherer verkniffenen, feindlichen Natur, ihren dunklen Obsessionen und ihrem grundlegenden Verlangen nach Rache das große rote Herz unserer Familie, das wir geheim hielten und das uns Kraft gab." (S. 15)

Dies schreibt Almas Enkel, dem sie 1965 schließlich die Wahrheit über die Hintergründe der Explosion erzählt. Dabei wechselt die Perspektive zwischen Gegenwart und Vergangenheit, und zahlreiche Personen und Episoden werden in die Erzählung eingewoben, so dass schließlich ein breitgefächertes Bild über das Leben in der Kleinstadt in Missouri um 1929 entsteht.
Szenenhaft präsentiert sich die Gesellschaft der damaligen Zeit, das Leben wohlsituierter Familien ebenso wie das von Menschen in unsäglicher Armut, bar jeder Illusion und das Vergessen oft nur im Alkohol findend. Jedes der geschilderten Schicksale stellt ein Stück des Puzzles dar, das die Lösung um das große Unglück des Jahres 1929 bietet. Indizien werden so gesammelt und zusammengetragen, bis das Bild komplett ist und Almas Wahrheit sich schließlich Bahn bricht.

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Abgesehen von der geschickten Verschachtelung der Szenen, die stets nur einen winzigen Ausschnitt beleuchten, genug, um eine Ahnung zu erhaschen, zu wenig, um wirklich etwas zu fassen zu bekommen, ist es die Sprache Woodrells, die mir außerordentlich gut gefallen hat. Mit wenigen Sätzen, rasch skizzierten Bildern, vermochte es der Schriftsteller, mich mitten in eine Szene zu katapultieren:

" Das Hudkins-Haus roch nach alten und frischen Zigarren und Jahrzehnten voller Frühstücksspeck, und ich ergab mich schon nach zwei Schritten hinter der Tür diesen alles umhüllenden Düften. Es waren die gesammelten Gerüche eines gut gelebten Lebens, es roch nach Wärme und Dauerhaftigkeit, nach Luft, die mit dem Gewehröl eines abgebrühten Sprotsmanns und dem Lavendel von Ma-ma parfümiert war." (S. 141)

"Er wusste nicht, was ihm im Bett wirklich gefiel, bis sie es ihm zeigte. Sie sah Andeutungen von Verlangen in seinen Augen, siebte seine schüchternen Worte, sein Schweigen und entzifferte, was nicht gesagt wurde, um seinem unerfahrenen Körper dann alle stummen Wünsche zu erfüllen. Er erlebte Spasmen, die er für fast heilig erachtete, und er erlebte sie in ihrer Umarmung immer wieder und schneller, als er es je fürmöglich gehalten hätte (...) so lange, bis er alles losließ, und je mehr er von diesem Augenblicken erlebte, umso mehr wollte er davon. Ihre Lippen auf den seinen waren so fein, so erfahren, und ihre Hände fuhren über seinen Körper wie die einer Geisterbeschwörerin, die eine Wiederauferstehung herbeiführte, so sehr ließ sie ihn anschwellen mit ihren Fingerspitzen und dem zarten Atem und den rosigen Liebkosungen..." (S. 88)

Diese Beispiele sollen an dieser Stelle genügen und haben hoffentlich deutlich gemacht, was DER SPIEGEL seinerzeit über ein anderes Werk Woodrells schrieb: 'Man frisst die Sätze in sich hinein, gierig, mit ständig wachsender Lust an der Schönheit der Sprache.'
Dem kann ich mich nur anschließen!

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Für mich mein erstes Highlight des Jahres und ganz sicher nicht das letzte Buch von Woodrell. Ich freue mich, diesen Autor für mich entdeckt zu haben.
Einmal mehr geht ein herzliches Dankeschön an den Liebeskind-Verlag, der mir freundlicherweise dieses Buch als Rezensionsexemplar zukommen ließ. 

© Parden

 

Hier geht´s zur bebilderten Rezension mit Zusatzinformationen auf unserem Blog:

http://litterae-artesque.blogspot.de/2014/02/woodrell-daniel-in-almas-augen.html