Rezension

Vom Leben chinesischer Mittelschüler in den 90ern - eine berührende Graphic Novel

Der freie Vogel fliegt. Bd.1 - Jidi

Der freie Vogel fliegt. Bd.1
von Jidi

Bewertet mit 5 Sternen

Zur deutsch-chinesischen Ausgabe: Band 1 besteht aus 139 Seiten mit deutschem Text, einem Nachwort der Autorinnen, 139 Seiten chinesischem Text, einem Vokabelverzeichnis mit Pinyin-Lautschrift. Die Seitenzählung in beiden Texten ist identisch, so dass man z. B. eine Redewendung von der deutschen Seite 23 auf der chinesischen Seite 23 nachschlagen kann. Die Ladenschilder und Banner der Abbildungen sind von der Übersetzerin ins Deutsche übersetzt und auf der jeweiligen Seite zu finden. Die Romanvorlage des halb-autobiografischen Romans erschien 2008, der erste Band der Graphic Novel 2010.

Inhalt Band 1
Die Hauptfigur Lin Xiaolu besucht eine Mittelschule mit Schwerpunkt Kunst. In Rückblenden wird – ausgelöst durch einen Schulaufsatz - deutlich, dass das Mädchen nach der Trennung der Eltern zuerst beim Vater lebte. Als es zu Konflikten um ihre Schulleistungen kam, nahm ihre Mutter sie zu sich und zog mit ihr nach Chengdu, damit Xiaolu dort eine Schule besuchen kann, die ihren Talenten entspricht. Auf die Trennung der Eltern hatte Xiaolu zunächst mit Rückzug reagiert und die Ansicht ihrer Mutter übernommen, dass eine Trennung für alle Beteiligten auch ein Neuanfang sein könnte. Diese Ansicht und vermutlich Xiaolus kindliche Erscheinung waren Anlass für Mobbing durch ihre Klassenkameraden. Früh lernt die Hautfigur dadurch, dass es klüger ist, seine Ansichten für sich zu behalten. Deutlich wird in diesem Rückblick der gnadenlose Druck, der von Eltern und Lehrern auf chinesische Schüler ausgeübt wird, damit sie später die Aufnahmeprüfung für die Universität schaffen. Zum Zeitpunkt der Prüfungen geht ganz China förmlich auf Zehnspitzen, um nur ja die Prüflinge nicht zu stören; über das Thema wird sogar im Fernsehen berichtet.

Xiaolu ist eine fantasievolle Person, die sich unter Druck oder in ihrer Freizeit gern in die Welt der Anime und Manga wegträumt. In der ersten Szene stiehlt sie von einer Anschlagtafel/Schaukasten ihrer Schule eine Bleistiftzeichnung von der Kathedrale Sagrada Familia von Gaudi in Barcelona, in deren Zeichner sie sich später verlieben wird. Das Bild der Kathedrale steht stellvertretend für Xiaolus Träume von einer Karriere als Künstlerin, von einer Welt außerhalb Chinas, die ihr bisher völlig unbekannt ist, und von einer großen, glücklichen Liebe. Durch ihre Schwärmerei für Han Che lernt Xiaolu den Besitzer eines kleinen Ladens kennen, der zusätzlich freiberuflich als Künstler arbeitet und ebenfalls eine ihr noch unbekannte Welt repräsentiert.

Als Graphic Novel wirkt die Geschichte besonders durch den Focus auf die Hauptfigur, die auf zahlreichen Panels in einem aufgeräumten Szenario allein in der Stadt unterwegs ist, durch die gedeckten Farbtöne und durch ihre farbenfrohen Fantasiewelten, in die sie sich träumt. Der Einblick ins Klassenzimmer, die Schuluniformen und die Wohnverhältnisse geben intensiven Einblick in den chinesischen Alltag, wenn auch der strahlend blaue Himmel reichlich märchenhaft wirkt. Xiaolu wird im Vergleich zu ihren Klassenkameraden mit einer noch sehr kindlichen Figur dargestellt und mit einem runden „Dampfnudelgesicht“, in das sie auch später noch zurückfällt, wenn Emotionen sie überrollen. Die Figuren genügen westlich geprägten Schönheitsvorstellungen; die Jugendlichen sind schlank, langgliedrig, mit westlichen Gesichtern und runden westlichen Augen.

Stililstisch wirkt die Übersetzung ins Deutsche flüssig, wenn auch einige Inhalte mit betulichen Ausdrücken und in langen Satzkonstruktionen erklärt werden. Die Lautmalerei der Sprechblasen wirkt auf mich ausgesprochen gelungen: kritzel, schmacht, schnief, schluchz … Sehr hilfreich fand ich im deutschen Text die Erklärung von Handzeichen auf der jeweiligen Seite, die Europäern unbekannt sein werden, wie man z. B. „komm her“ oder „bleib weg“ signalisiert.

Fazit
Die Autorin wendet sich in ihrem halb-autobiografischen Text bewusst auch an Erwachsene, von denen sie sich mehr Verständnis für die komplizierte Zeit der Pubertät und der ersten Liebe wünscht. Der erste Band von „Der freie Vogel fliegt“ hat mich als Erwachsene mit seiner Darstellung berührt und intensiv beschäftigt. Meine Befürchtung, dass ein Setting mit Bezug zur Welt der Mangas und Anime kitschig sein würde, hat sich nicht bewahrheitet.