Rezension

Würdige Fortsetzung einer raffinierten Hexengeschichte

Der Hexenzirkel Ihrer Majestät. Die falsche Schwester -

Der Hexenzirkel Ihrer Majestät. Die falsche Schwester
von Juno Dawson

Bewertet mit 5 Sternen

Wie der Auftakt kann auch die Fortsetzung überzeugen: hohe Plotdichte, cleveres Magiesystem, grandioses Characterbuilding & wichtige Themen!

Vielen lieben Dank an den Knaur-Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars!

Meine Rezension spiegelt selbstverständlich trotzdem meine ehrliche Meinung wider.

 

Aufmachung:

Die Buchgestaltung ist, wie immer beim Knaur-Verlag, einfach nur toll. Wie beim ersten Band fällt hier auf den ersten Blick der – dieses Mal dunkelblau – folierte Reihentitel im Zentrum und der Untertitel am unteren Bildrand auf. Wenn man sich das Cover dann genauer ansieht, erkennt man auch hier, dass die hellblauen Schnörkeleien auf dem dunkelblauen Hintergrund um den Titel herum wieder nicht bloß Schnörkeleien sind, sondern man findet erneut ein Symbol, das stark an ein Auge erinnert und das auch an jedem Kapitelanfang wieder auftaucht – dieses Auge sieht aber um Einiges anders aus als das, das auf dem Cover des ersten Bandes abgebildet ist, alleine schon wegen des Sterns in der Mitte. Ich denke mal, das ist ein Hinweis auf die etwas „andere“ Protagonistin dieses Teils. ;)

Auch hier findet man Monde, Schlangen und eine Sonne – alles „witchy“ Symbole, die damit hervorragend zum Buch passen. Die Monde sehen dieses Mal aber ein klein wenig anders aus und zusätzlich findet man auf dem Cover noch eine Krone, was ebenfalls ein Hinweis auf einen Aspekt des Inhalts ist.

Insgesamt kann ich nur sagen, dass ich diese Detailverliebtheit des Covers liebe – wenn man weiß, was passiert, erkennt man sofort, dass hier jemand am Werk war, der sich gut mit dem Inhalt auskennt. Und wenn man den Inhalt noch nicht kennt, ist das Cover trotzdem ein Hingucker – genau diese Anforderungen sollte ein Cover (v. a. im Fantasybereich) erfüllen!

 

 

Meine Meinung:

Der Auftaktband „Das begabte Kind“ hatte mir ja bereits super gefallen, auch wenn ich zu Beginn Einstiegsschwierigkeiten hatte. Obwohl es nun mittlerweile ein gutes halbes Jahr her ist, dass ich Band eins gelesen habe, und ich mich, bevor ich „Die falsche Schwester“ geöffnet hatte, eigentlich auch nur noch an das extrem fiese Ende des Auftaktes erinnern konnte, der Rest also in den Untiefen meines Gedächtnisses erstmal verschüttet war, habe ich dieses Mal sehr gut in die Geschichte gefunden.

Zwar verzichtet die Autorin auf einen Rückblick am Anfang (davon bin ich bei Fantasy immer ein großer Fan), aber trotzdem webt sie kleine Gedächtnisstützen so geschickt in die Handlung ein, dass sie einem im Prinzip doch einen Rückblick gibt, ohne dass der Leser das aber merkt. Das fand ich super und das hat definitiv einen Großteil dazu beigetragen, dass ich mich sofort wieder in der Geschichte verlieren konnte und das Gefühl hatte, Band eins gerade erst zur Seite gelegt zu haben.

 

 

Ein anderer Grund dafür ist aber natürlich auch die Tatsache, dass die Autorin nun nicht mehr in die Welt einführen muss, sondern inhaltlich genau da anknüpfen kann, wo der Vorgänger aufgehört hat. Das gelingt ihr hier, wie gesagt, hervorragend. Ich war sofort wieder in der Geschichte drin, es geht auch gleich weiter, und so hatte ich mir nichts, dir nichts bereits gut die Hälfte nach der ersten Lesesession inhaliert.

 

Die Plotdichte ist hier aber auch wieder sehr hoch! Man begleitet die vier Hexen, die man bereits im ersten Band kennengelernt hat, dabei, die Nachwehen von Helenas Taten zu glätten. Nebenher müssen sie sich aber auch nicht nur neuen Problemen stellen, sondern natürlich auch denjenigen, die sich bereits im Auftakt angedeutet haben.

Dabei verfolgt man zusammen mit Elle, Leonie, Elles Tochter Holly und Theo zusätzlich zu Ciaras Weg, der sich im Ende von Band eins überraschenderweise abgezeichnet hat, vier verschiedene Plots gleichzeitig – es passiert also ständig irgendetwas.

Trotzdem hat man dabei nicht das Gefühl, dass man von Informationen überladen würde oder dass die Autorin sich hier zu viel aufgebürdet hätte.

Stattdessen gewichtet sie die unterschiedlichen Handlungsstränge in genau der richtigen Weise, dass man stets am Ball bleibt und sich gespannt fragt, was als nächstes passiert. Man hat zu keinem Zeitpunkt Probleme damit, der Handlung zu folgen. Zwar fragt man sich zwischendurch, wo das alles denn am Ende hinführen wird, aber zum Schluss – vor allem durch die letzten beiden Kapitel – ergibt wieder alles einen Sinn und man erkennt erneut, dass Dawson hier alles gut durchdacht ist und ein ganz großes Bild vor Augen hat. Alles greift wie Zahnräder ineinander und man kann nur staunen.

 

Auch das Magiesystem, das ich in meiner Rezension zum ersten Band bereits in höchsten Tönen gelobt habe, wird hier weiter fortentwickelt. Man denkt, man hätte nun vollständig begriffen, wie die Kräfte der Hexen hier funktionieren, und dann überrascht Dawson einen mit weiteren Informationen, unerwarteten Wendungen und subtil angesprochenen Fragen, deren Antworten hier nicht vollständig gegeben werden, über die man sich jedoch unentwegt Gedanken macht, und die mit Sicherheit eine Rolle im Abschluss der Reihe spielen werden. Auch hier sieht man also wieder die Zahnräder drehen, obwohl man noch nicht absehen kann, wo sie letztlich einrasten werden.

 

 

Darüber hinaus spricht die Autorin wie auch im Auftakt hier nebenbei wieder wichtige Themen an, die immer noch brandaktuell sind, wie Sexismus und female rage, Transsexualität und Transfeindlichkeit, Rassismus und white privilege, und zwar auf eine Art und Weise, die der Sensibilität und Relevanz dieser Themen mehr als gerecht wird. Wieder einmal schneidet sie politische Diskussionen an, teilt dem Leser ihre eigene Meinung mit und gibt Betroffenen gleichzeitig eine Stimme, die jeder hören kann, der sich diesem Buch widmet. Das gibt nicht nur dem Buch Substanz, sondern verleiht auch ihren Figuren Authentizität und trägt wesentlich dazu bei, dass man sich so gut in sie hineinversetzen kann.

 

 

Denn auch hier gibt Dawson jeder ihrer Protagonistinnen ihre eigene Stimme, versteht sie und gibt ihnen den Raum zur Entwicklung, den sie brauchen, um zu greifbaren, lebensnahen Protagonisten zu werden. Wieder einmal ist dabei keine ihrer Figuren einfach nur „gut“ oder „böse“ ist. Stattdessen folgt jede Figur einfach nur den eigenen Überzeugungen, die dem Leser so plausibel gemacht werden, dass er sich mit Leichtigkeit in jede Figur hineinversetzen kann und versteht, weshalb die Figur sich so entwickelt, wie sie es eben tut.

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sich Ciara mittlerweile zu meiner Lieblingshexe entwickelt hat, auch wenn sie am Ende vom ersten Band ihre Schwester Niamh tötet, die bis dahin mein Liebling war. Jede der Protagonistinnen, aber vor allem Ciara begeht teils unverzeihliche Fehler, ohne dass diese dann entschuldigt oder relativiert werden. Die Taten, die die Hexen begehen, werden genauso schlimm dargestellt, wie sie sind, und trotzdem kommt man nicht umhin, mit ihnen mitzufühlen und mit ihnen zu sympathisieren, einfach, weil man sie – unabhängig davon, ob man ihnen zustimmt oder nicht – einfach versteht. Das ist ganz großartiges Characterbuilding, das Dawson bereits im Auftakt gezeigt und hier nur fortgeführt hat!

 

 

Zusammenfassend kann ich nur sagen: „Die falsche Schwester“ ist eine ganz großartige Fortsetzung eines bereits gelungenen Auftaktes, der – nicht zuletzt auch wegen eines erneut sehr fiesen Cliffhangers – ungemein neugierig auf den Reihenabschluss macht!

 

 

Fazit:

Habe ich in meiner Rezension zu Band eins bereits das Magiesystem und das Characterbuilding gelobt, kann ich das hier wieder nur unterstreichen. Auch wenn man denkt, man hätte nun alles über die Magie im Hexenzirkel begriffen, merkt man schnell, dass Dawson noch viel mehr in petto hat, als es zunächst den Anschein hat. Zahnrädchen greift in Zahnrädchen, bis sich ein immer größeres Bild zeigt. Dabei begleitet man fünf wahnsinnig vielschichtige Hexen und ebenso interessante Nebenfiguren, von denen keine nur „gut“ oder „böse“ ist, sondern jede einfach nur ihren eigenen Überzeugungen folgt, und als i-Tüpfelchen wichtige Themen wie Feminismus, Transsexualität und Akzeptanz auf sensible, emotionale und vor allem lautstarke Weise praktisch nebenbei an.

Wie auch schon beim ersten Band muss man sich aber auch hier auf ein wahnsinnig fieses Ende einstellen. Mein Tipp, wenn ihr die Reihe noch nicht begonnen habt: Wartet jetzt einfach noch ein wenig den Erscheinungstermin des letzten Teils ab, denn ihr werdet nach Band eins und auch nach Band zwei unbedingt weiterlesen wollen.

5/5 Lesehasen.