Rezension

Auf der Suche nach dem Vater

Sein Sohn -

Sein Sohn
von Charles Lewinsky

Bewertet mit 4 Sternen

Früher, also sehr viel früher, da saßen wir um ein Lagerfeuer und haben uns Geschichten erzählt. Manchmal kann man es noch bei unseren Kindern beobachten, dass sie vor dem Zubettgehen ein Geschichte hören wollen. Ab und zu kommt es vor, dass wir uns nach der Geborgenheit des Lagerfeuers sehnen und dann ist es Zeit, einen Meister seines Fachs zur Hand zu nehmen und abzutauchen. Abzutauchen in eine Welt, nicht allzu lang vor unserer Zeit und nicht allzu weit von uns fort.

Louis Chabos hatte keine leichte Geburt. Unter Qualen und mit dem unzureichenden Wissen der Medizin um die Wende des 18. ins 19 Jahrhundert, gebar ihn seine Mutter, sein und ihr Leben aufs Spiel setzend. Das kleine Bündel Mensch wurde ihr sofort genommen und in ein Mailänder Kinderheim verbracht. Die Gebühr wurde für 18 Jahre im Voraus bezahlt und so legte niemand Wert darauf, dass der kleine Louis groß und stark wurde.

Sein Prellbockdasein hat erst mit 12 Jahren ein Ende, als die Mutter Oberin des Heims beschließt, dass Louis etwas lernen und arbeiten soll.
Louis lernt seinen ersten Menschen außerhalb des Heims kennen, den Marchese, und er meint es gut mit dem Jungen, auch wenn es anfänglich nicht so aussieht. Leider verstirbt sein erster Mäzen recht bald. Zurück im Heim erkennt Louis, dass es eine Welt draußen zu entdecken gibt, weit weg von Demütigungen und Hunger. Er haut ab.

Lewinsky erzählt von seinen Begegnungen auf seiner Wanderschaft, lässt Louis in Napoleons Truppen mitmarschieren, hilft ihm, an Seele und Körper gebrochen, wieder ins Leben zurück, um ihn schließlich auf die Spur der Suche nach seinen leiblichen Eltern zu helfen. Dabei legt der Autor ein atemberaubendes Tempo vor, denn schließlich will ein ganzes Leben, von der Wiege bis zur Bahre, auf 370 Seiten erzählt sein. Und trotz dem unvermeidlichen Ende, mit dem man gleich zu Beginn des Romans konfrontiert wird, bleibt Louis Leben spannend und bunt und treibt uns durch die Geschichte mit einer Detailtreue, die ein Herr Lewinsky äußerst gut beherrscht.

Denn es gab wirklich einen Louis Chabos und er wurde 1794 geboren und in einem Mailänder Waisenhaus abgegeben. Seine Mutter war eine Köchin in Graubünden, wo sie wohl auch die schicksalschwere Begegnung mit Louis Vater hatte. Das sind die Fakten und wenn ihr eine wirklich gute Geschichte dazu hören wollt, dann seid ihr bei Charles Lewinsky an der richtigen Adresse. Eine lebendige Erzählung, voller interessanter Figuren vor einem glaubhaften Hintergrund, mit stakkatohafter Eile dem Stillstand entgegenwirkend, als ob es noch so viel zu erzählen gäbe, bevor die Sanduhr durchgelaufen ist.

Kommentare

wandagreen kommentierte am 28. September 2022 um 19:08

Das ist eine extrem gewandte Rezension. Beinahe tut es mir leid, den Roman "versäumt" zu haben. Aber andererseits ist Lewinsky letztlich auch traurig.
 

katzenminze kommentierte am 31. Oktober 2022 um 11:02

Ja, es ist gut erzählt aber mich hat es diesmal nicht so mitgezogen. Vor allem gegen Ende wurde es mir zu abgedreht und die einzelnen Stationen in Chabos Leben waren mir zu abgehackt. Bis auf den Weinhandel und die "Sesshaftigkeit", das hat mir gefallen. Aber erstmals ein Lewinsky, den ich nicht behalten muss.

wandagreen kommentierte am 31. Oktober 2022 um 11:23

Auch gut. L. hat schon auch einen ausschweifenden Stil, das brauche ich nur selten.