Rezension

Die Unerlöstheit der Welt

Der Messias kommt nicht - Alfred Bodenheimer

Der Messias kommt nicht
von Alfred Bodenheimer

Bewertet mit 5 Sternen

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber schrieb 1917 an Landgerichtsrat S. einen Brief, aus dem einiges über die jüdische Anschauung vom Messias deutlich wird: »Wer ›die Welt‹, richtiger einen Teil der Menschheit vom Götzendienst befreit, heiße er nun Jesus oder Buddha, Zarathustra oder Laotse, hat keinen Anspruch auf den Namen des ›Messias der Welt‹; der käme nur dem zu, der die Welt erlöste … Erlösung – das ist eine Verwandlung des ganzen Lebens von Grund aus, des Lebens aller Einzelnen und aller Gemeinschaften.« Und dann spricht Buber S. direkt an: »Die Welt ist unerlöst – fühlen Sie das nicht wie ich in jedem Blutstropfen? Fühlen Sie nicht wie ich, daß das Messianische nichts Geschehenes, nichts an einem bestimmten Fleck der geschichtlichen Vergangenheit Lokalisiertes sein kann, sondern einzig das, dem wir ins Unendliche entgegenblicken, in die Ewigkeit entgegenharren, als Ideal überempirisch, als das, an dessen Verwirklichung wir allstündlich arbeiten können, uns unmittelbar gegeben, unberührbar wie Gott selber und unanzweifelbar lebendig wie er, – die absolute Zukunft?« (Briefwechsel, Bd. I, Heidelberg 1972, S. 513)

Bubers Sicht ähnelt die Aussage eines Gelehrten, die Alfred Bodenheimer in seinem Roman »Der Messias kommt nicht« zitiert; Gabriel Klein und seine Frau Rivka stoßen im Internet auf einen kurzen Clip, in dem sich der Gelehrte äußert: Gefragt, ob er an das Kommen des Messias glaube, antwortet er: »Ich gehöre zu denen, die glauben, dass er kommen wird«. Aber auf die Frage, wann das sei, sagt er: »Er wird kommen. Jeder Messias, der kommt, ist ein falscher Messias. Das Wesentliche am Messias ist, dass er für immer ein Kommender sein wird.« (S. 53; wenn man dem von Bodenheimer am Ende des Buchs genannten Link folgt – https://www.youtube.com/watch?v=Zz-QMDPW5RM –, stößt man darauf, dass es sich um Yeshayahu Leibowitz handelt.)

 

In Bodenheimers Kriminalroman, dem dritten Fall von Gabriel Klein, bittet der Rabbi seine Zürcher Gemeinde um ein Sabbatical, das ihm schließlich gewährt wird. Klein wurde von Henri Blatt, Professor an der Basler Universität, zu einem Forschungsprojekt eingeladen: Er soll die kritische Edition – samt Übersetzung – eines fingierten Streitgesprächs zwischen einem Christen und einem Juden über den Messias besorgen, ein Text des Hebraisten Sebastian Münster. Klein freut sich auf die wissenschaftliche Arbeit, in der er von seinem Alltag als Rabbi ausspannen kann. In Basel trifft er den dortigen Rabbiner Bezalel Sommer, der unter einem Burnout leidet, Klein die Streitigkeiten innerhalb seiner Gemeinde schildert und ihn bittet, ihn bei einer Veranstaltung zu vertreten: bei einem Gemeindeschabbat in einem Tagungshaus außerhalb der Stadt (S. 44) – eine Bitte, die Klein schließlich glaubt dem erkrankten Kollegen nicht abschlagen zu können. Aber genau bei diesem Gemeindeschabbat wird nachts der bekannte Anwalt Stéphane Hutmacher, Vorstandsmitglied der Basler Gemeinde, ermordet, und diesmal wird Klein vom Leiter der dortigen Kriminalpolizei um Hilfe gebeten.

Klein führt Gespräche und forscht nach – in der Gemeinde, dem kleinen, von Mia Hutmacher, der Frau des Ermordeten, geleiteten Museum, an der Universität … Zwischendurch berichtet er dem Kommissar – mit schlechtem Gewissen: »Und was hatte er … gemacht in diesen letzten beiden Tagen? Unter der Maske des Rabbiners Leute ausgehorcht. Solche wie ihn mochten sie in gewissen Behördenkreisen. Inoffizielle Mitarbeiter.« (S. 132)

Der Fall ist vertrackt – bis Rivka darauf kommt, Leibowitz’ Spruch, nach dem der Messias, der gekommen ist, der falsche ist, weltlich zu interpretieren: der entscheidende Hinweis für Klein.

Am Schluss wird der Gedanke der gerechten Welt, für den der Messias steht, vom Mörder pervertiert und es zeigt sich gerade, wie wenig erlöst diese Welt ist. Wieder ein Fall, der gelöst ist, bei dem aber ein Stachel bleibt – oder sogar ein ganzer Kaktus, auch für die Leserinnen und Leser. Die Rabbi-Klein-Fälle lösen sich nicht mit der Entdeckung des Mörders in ein »Alles ist gut« auf – mit ein Grund, warum ich diese Krimis so mag.

Kommentare

wandagreen kommentierte am 01. November 2017 um 22:23

"Er wird kommen. Jeder Messias, der kommt, ist ein falscher Messias. Das Wesentliche am Messias ist, dass er für immer ein Kommender sein wird.«

Dieser Meinung kann Buber ja sein, ich wusste vorher schon, dass ich ihn nicht ernst nehmen kann.

Steve Kaminski kommentierte am 01. November 2017 um 23:04

Das Zitat ist von Leibowitz. - Jemanden nicht ernst nehmen, weil er eine andere Religiosität hat und anders denkt, ist nicht gut! Wie kannst Du so was sagen?!?

wandagreen kommentierte am 01. November 2017 um 23:12

Hei, er sagt, etwas sei nur dann gut, wenn es nicht eintritt, m.a.W. man bräuchte eine Vision, die keine ist. Darüber darf man lachen. Gut, dass es nicht dein Bubern gewesen ist.

Steve Kaminski kommentierte am 02. November 2017 um 09:10

Nein, es besteht kein Grund, darüber zu lachen. Juden haben über viele Jahrhunderte auf die Erlösung unserer Welt gehofft, haben verschiedene Sichtweisen vom Messias entwickelt. Manche glaubten bei verschiedenen Personen, der Messias sei gekommen und es hätte ein Ende mit der Bedrückung und Ungerechtigkeit - und dann war es doch ein falscher Messias: Bar Kochba, Sabbatai Zwi und andere - und vielleicht auch Jesus von Nazareth. Juden haben sich Gedanken gemacht, was man für das Kommen des Messias tun könne, haben unter seiner Abwesenheit gelitten, sind verfolgt worden. Wenn ein alter Gelehrter sein Nachdenken über die jüdische Tradition und den Messias in diese für christliches Verständnis paradoxen Worte kleidet, gibt es keinen Grund, darüber zu lachen und ihn nicht ernst zu nehmen.