Rezension

Melancholische Reise durch die Zeit - aber anders als gedacht

Wie man die Zeit anhält
von Matt Haig

Bewertet mit 4 Sternen

Die Geschichte startet im London der Jetztzeit. Tom Hazard, der Protagonist, ist zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt .... so scheint es zumindest. Denn in Wirklichkeit kam er 1581 zur Welt und ist somit aktuell bereits über 400 Jahre alt! 

Wie ist das möglich? Handelt es sich bei "Wie man die Zeit anhält" um einen klassischen Zeitreiseroman, bei dem jemand bewusst oder zufällig durch Zeit und Raum reisen kann? Nein, ganz und gar nicht. 

Matt Haig hat seine Hauptfigur mit einem Gendefekt ausgestattet, den er Anagerie nennt. (In direkter Anlehnung an die real existierende Krankheit Progerie, bei der man deutlich schneller altert und bereits in mittleren Jahren vergreist ist.) Dieser Defekt sorgt nun dafür, dass die Betroffenen sehr viel langsamer altern, als dies normalerweise der Fall ist. Sie sind keinesfalls unsterblich, oder in sonst einer Art und Weise anders als normale Menschen. Außer, dass sie eben so lange leben - rund 950 Jahre, um genau zu sein - und ein stabileres Immunsystem besitzen. 

Die Story wird aus Toms Perspektive erzählt. Im Grunde ist er sogar der eigentliche Erzähler und richtet sich in direkter Rede an den Leser selbst. Die Haupthandlung spielt also im London des 21. Jahrhunderts. Tom nimmt den Leser aber in jedem Kapitel via Zeitsprung mit in eine andere Epoche seines langen Lebens, und erzählt auf diese Weise seine Lebensgeschichte im Rückblick. 

Je tiefer man nun beim Lesen in Toms Leben eintaucht und je mehr Einzelheiten man erfährt, desto bewusster wird einem, welch unwahrscheinliche Belastung seine Krankheit für ihn darstellt. Man muss sich nur mal vorstellen, wie einsam er im Grunde ist. Denn nirgendwo kann er länger als ein paar Jahre bleiben, weil ansonsten ja sofort auffällt, dass er rein optisch scheinbar nicht altert. Und das konnte nicht nur im Mittelalter lebensgefährlich werden, sondern auch in den anschließenden Jahrhunderten.
So ist er also quasi zu einem Leben gezwungen, in dem er keinen engeren Kontakt zu seinen Mitmenschen aufbauen kann. Das macht ihn sehr, sehr einsam. 

Dennoch verliebt er sich in jungen Jahren und bekommt sogar ein Kind mit dieser Frau. Ich will nicht zu viel verraten, aber man kann sich ja denken, dass er zumindest seine Frau überlebt. Die Tochter, zu der er den Kontakt verloren hat, hat seinen Gendefekt geerbt und fortan versucht er sie nun - durch all die Jahrhunderte hinweg - aufzuspüren und zu finden. 
Diese Suche ist so ziemlich das Einzige, was ihn am Leben erhält. Denn die Trauer um seine gestorbene Frau begleitet ihn ebenfalls durch sämtliche Jahrhunderte und lässt ihn ziemlich depressiv werden.

Regelrecht bizarr wird es, wenn Tom im Laufe seines Lebens auch auf berühmte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte stößt und zum Beispiel mit dem Schriftsteller Scott Fitzgerald in den wilden 1920er Jahren in Paris in ein Gespräch an der Bar verwickelt wird und dieser ihm mitteilt, dass er auf der Suche nach der ewigen Jugend ist. Das er am liebsten die Zeit anhalten würde um niemals zu altern. 
Was für den einen Fluch ist, erscheint einem anderen regelrecht als Segen .... verrückt, oder?

Den Sinn des eigenen Lebens zu finden fällt uns ja allen mehr oder weniger schwer. Ungemein schwerer wird es, wenn man zu solch einem langen Leben verdammt ist, wie Tom. Das Leben an sich ist nun mal verwirrend, für uns alle. 

Wie gesagt, ich möchte nicht zu viel verraten. Nur noch soviel: Obwohl sich Tom felsenfest vorgenommen hat sich NICHT ein zweites Mal zu verlieben, passiert es. Im 21. Jahrhundert fühlt er sich sehr zu einer Arbeitskollegin hingezogen und kommt einfach nicht gegen dieses Gefühl an.
Doch zu welchen Komplikationen und Verstrickungen es in folge dessen kommen wird, verrate ich natürlich nicht. Das lohnt es auf jeden Fall, selber nachzulesen ;-)

Matt Haig ist mit "Wie man die Zeit anhält" ein sehr schöner und auch irgendwie besonderer Roman gelungen. Und trotz der vielen Zeitsprünge schafft er es, den Leser nicht zu verwirren. Einzig getrübt wird das Lesevergnügen dadurch, dass meiner Meinung nach dem Autoren das Ende der Geschichte nicht ganz so gut gelungen ist. Im Vergleich zum wirklich wundervollen Rest des Buches erscheinen die letzten rund 20% merkwürdig flach und lassen die gewohnte Tiefe vermissen. Fast so, als ob es zu einem raschen und eiligen Ende hat kommen müssen. 
Genau dieser Umstand führt auch zum Punktabzug in meinem Gesamturteil, denn ansonsten hätte dieses Buch volle Punktzahl verdient. 

Empfehlen kann ich Matt Haigs Roman all jenen Lesern, die gerne phantasievolle und bittersüße, melancholische Geschichten lesen, die mit einem gewissen Tiefgang unterlegt sind.