Rezension

Kinder von Blut und Bein

Children of Blood and Bone - Tomi Adeyemi

Children of Blood and Bone
von Tomi Adeyemi

Bewertet mit 5 Sternen

Tomi Adeyemi ist 24 Jahre jung, hat erst vor wenigen Monaten ihren Erstlingsroman veröffentlicht und ist doch schon eine weltweite literarische Sensation. Kritiker vergleichen sie mit JK Rowling, 20th Century Fox haben sich bereits vor Erscheinen des Buches die Filmrechte gesichert.

Tomi Adeyemi wurde in den USA geboren, hat jedoch nigerianische Wurzeln. Nach einem mit Auszeichnung bestandenen Studium der englischen Literatur in Harvard ging sie im Rahmen eines Stipendienprogramms nach Brasilien, um dort westafrikanische Mythologie und Kultur zu studieren. Das Museum, das für sie persönlich den Hauptgrund für ihre Reise darstellte und von dem sie sich viel für ihre Forschungen versprach, hatte allerdings wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.

Frustriert ging sie davon und fand sich kurze Zeit später in einem Souvenirladen in der Nähe wieder. Dort sah sie ein Poster mit 9 Orisha, Göttern der nigerianischen Religion der Yoruba.

Es traf die junge Frau wie ein Schlag: Götter und Göttinnen mit dunkler Haut wie ihre eigene.

Bei diesem Anblick verspürte sie ein ermächtigendes Gefühl von kultureller Identität –  und das wollte sie weitergeben. Aus einem herben Rückschlag wurde so die Geburtsstunde von “Children of Blood and Bone”,  einer epischen Fantasygeschichte mit schwarzen Helden und Heldinnen.

Zu meiner Bestürzung las ich in deutschen Rezensionen hier und dort, es werde zu oft erwähnt, dass die Protagonisten dunkelhäutig sind. Es sei doch eine Fantasygeschichte, was für eine Rolle spiele da die Hautfarbe? Es verschlug mir die Sprache.

Diese Frage kann man nur aus einer Rolle des Privilegs heraus stellen.

Was Repräsentation bedeutet für schwarze Teenager, die sich bisher nur selten wiederfanden in der Literatur – geschweige denn in einer positiven Rolle jenseits der Klischees! –, kann ich als weiße Leserin nicht einmal ansatzweise nachempfinden, aber es war lange, lange überfällig.

Westafrikanische Mythologie und Black Lives Matter

Das Buch ist auf den ersten oberflächlichen Blick klassische Fantasy, nichts weltbewegend Neues. Der Leser findet bekannte erzählerische Strukturen – aber mit enormem Tiefgang und Substanz, da sich das reale Leben in der Geschichte wiederspiegelt. Man muss nicht lange suchen, um die Vorurteile, die systematische Unterdrückung und die Verfolgung der Divînés in unserer Welt wiederzufinden.

Zélie hat immer Angst – jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde.

Geschrieben wurde dies in einer Zeit, als sich in den USA die Meldungen häuften, dass Schwarze aus absurden Gründen von der Polizei erschossen wurden – darunter Kinder. Jordan Edwards war 15. Tamir Rice war 12.

Schwarze Kinder und Teenager brauchen schwarze Helden. Und schwarze Helden brauchen weiße Leser, die ihre eigenen Privilegien hinterfragen. Ich könnte weitere 3.000 Wörter zu diesem Thema schreiben, aber stattdessen werde ich es bei diesem Denkanstoß belassen.

Nun gut. Zurück zu meinen üblichen Kritierien.

Die Welt, die Tomi Adeyemi erschafft, ist unglaublich komplex.

Sie wartet auf mit einer reichen Historie, vielschichtigen sozialen Strukturen und einem auf der Religion der Yoruba beruhenden Magiesystem. Ich fand es faszinierend, eine Fantasygeschichte zu lesen, die sich einer Mythologie bedient, die den meisten europäischen Lesern fremd ist.

Es lohnt sich, sich aus der eigenen Komfortzone hinauszuwagen!

Die Handlung wird in rasantem Tempo erzählt. Es steht andauernd sehr viel auf dem Spiel für die Protagonisten, wodurch der Spannungsbogen kaum einmal absinkt – und die Autorin scheut auch nicht davor zurück, auf Fehlentscheidungen der Helden drastische Konsequenzen folgen zu lassen. Hier gibt es kein Netz und keinen doppelten Boden.

Auch die Charaktere fand ich gut gezeichnet.
Sie sind nicht perfekt, zeigen sogar wirklich gravierende Fehler und Schwächen. Zélie kann grausam und skrupellos sein in ihrem Hass gegen die Mörder ihrer Mutter. Kronprinz Inan kann sich lange nicht lösen von seinem übermächtigen Vater, auch wenn er in dessem Namen Unschuldige töten muss. Amari ist zuerst naiv und ängstlich.

Aber das gibt ihnen viel Raum nach oben für Entwicklung, und in meinen Augen nutzen sie diesen, auch wenn es ein schmerzlicher Prozess ist. Es ist manchmal schwer, ihnen bei ihren Irrwegen zuzusehen!

Die Liebesgeschichten hätte ich nicht unbedingt gebraucht, aber junge Leserinnen erwarten in diesem Genre ein bisschen Romantik. Die Paare haben jeweils eine interessante Chemie und der Kitsch hält sich in Grenzen – in meinen Augen ein echter Pluspunkt.

Abschließend ein paar Worte zum Schreibstil:
Die ganz eigene Sprachmelodie des Buches ergibt sich daraus, dass die Sprache der Maji auf tatsächlichen afrikanischen Sprachen basiert. An dieser Stelle muss ich das Hörbuch glühend weiterempfehlen: ich habe das Buch sowohl gelesen als auch gehört, und gerade die Stellen, bei denen ich keine Wort verstehe, sind vom Klang her ein Gedicht.

FAZIT

Bei diesem Buch fällt es mir schwer, den Unterhaltungswert von der sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung zu trennen. Es ist Fantasy – aber es ist auch eine bestechende Parabel über Rassismus und Diktatur. Die Welt basiert auf der westafrikanischen Religion der Yoruba, die Helden sind schwarz… Eine lange überfällige Repräsentation dunkelhäutiger Menschen in der Fantasyliteratur für junge Leser .

Dennoch kann das Buch auch als spannende, unterhaltsame Geschichte überzeugen, mit Helden, die erfreulich menschlich und unvollkommen sind.

Diese Rezension ist zunächst auf meinem Buchblog erschienen:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/07/16/rezension-rant-tomi-adeyemi-c...