Rezension

Schlicht und gleichzeitig raffiniert.

Das Museum der Welt - Christopher Kloeble

Das Museum der Welt
von Christopher Kloeble

Bewertet mit 5 Sternen

Kurzmeinung: Eine auf kindlich gemachte Schreibe, in der sich Tiefgang offenbart. Tolle Story. So leicht dahingetupft, großartig.

Der erste Roman, den ich von Christopher Kloeble lese, Das Museum der Welt, ist dazu angetan, dass ich weiteren Romanen des Autors künftig meine Aufmerksamkeit schenken werde. 

Der Roman ist fast ganz aus der Sicht eines heranwachsenden Waisenjungen geschrieben, der in Bombay groß wird unter der etwas nachlässigen Obhut von Vater Fuchs, einem katholischen Geistlichen, den der Junge sehr verehrt. Fuchs beeinflusst und prägt ihn.  Die kindliche Sicht wird vordergründig durch kindliche Schreibe bedient, insofern ist der Roman super leicht zu lesen. Doch das, was Bartholomäus bedenkt, beobachtet und fühlt ist oft tiefgründig. 

 Weil der Junge sprachbegabt ist und zahlreiche Dialekte Indiens beherrscht sowie Deutsch und Englisch wird er von den Gebrüdern Schlagintweit, Hermann, Adolph und Robert, für ihre Erforschungsreisen durch das weite Land rekrutiert. Zunächst widerwillig lässt sich der Junge darauf ein. 

Christopher Kloeble führt dem geneigten Leser mit seinem Roman mehrere Dinge gleichzeitig vor Augen. Da ist einmal der Kolonialismus und die rassistische Denke, die dahinter steckt, da sind die Machtmechanismen, mit denen die India East Company ganz Asien unterwirft und da ist England, das als Mutterland den Kontinent mit fragwürdigen Machtgestalten überzieht und mit dem Opiumhandel einen Haufen Kohle verdient. Und in Deutschland sind die Könige auch keinen Deut besser!

 Mithilfe seines kleinen Icherzählers entwirft der Autor  einen Blick auf die Anfänge des Unabhängigkeitskampfes Indiens, auf die Schwierigkeiten Indiens, eine eigenständige Identität zu finden und einen kritischen Blick auf das deutsche Forschertrio. „Das sind ja Rassisten und Egozentriker wie sie im Buche stehen“, denkt sich der Leser, wenn Kloeble mithilfe seiner erzählenden Figur das Forschungsstreben kritisiert und oft entlarvt. Um dann doch die Schlagintweits zu mögen. Und zu respektieren. Oder hin- und hergerissen zu sein zwischen beidem, wie Bartholomäus es ist. Er fühlt sich hingezogen zu den Europäern und ihren Möglichkeiten. Aber er ist auch Inder und wird häufig durch deren Gedankenlosigkeit und ihre Herablassung verletzt.

Die biographische Komponente ist das große Plus des Romans und sein eigentliches Thema. Wer waren diese drei Forscher? Kloeble nimmt alle drei unter die Lupe. Da ist Hermann, der große Bruder, der so feste vorgenommene Meinungen mit sich bringt, aber auch ein fleißiger Forscher ist, da ist der umgängliche Adolph, bei dem man zunächst nicht recht weiß, woran man mit ihm ist und dem ein schwieriges Schicksal bevorsteht und da ist Robert, der als Jüngster unter Minderwertigkeitskomplexen leidet. Alle drei bringen große Opfer für ihre Leidenschaft, die Wissenschaft und für ihre Sucht nach Ruhm und Ehre. Ihr Lebensertrag, erzählt uns das lesenswerte Nachwort, wird nicht ganz so sein wie sie es sich erträumt haben. Wer weiß von uns, wer die Schlagintweits waren?

 Nicht zuletzt hat Christopher Kloeble mit seinem Helden selbst, Bartholomäus, eine äußerst liebenswerte Figur geschaffen, die alles, was ein gutes Buch ausmacht, erlebt und „drauf hat“. Da ist Abenteuer, Leben und Leiden, Liebe und Verlust, da sind Gewissenskonflikte und viele, viele weise Worte, die der Autor dem Jungen in den Mund legt und damit uns Leser erfreut. 

Fazit: Mit dem Roman "Das Museum der Welt" wird man bestens unterhalten und erfährt wie nebenbei etwas von der Geschichte Indiens und dem Leben der Gebrüder Schalgintweit. Und natürlich schließt man Bartholomäus ins Herz. Und obwohl ganz leicht und kindlich geschrieben, ist Kloebles Buch trotzdem raffiniert und weise. Ein großartiger Erzähler ist er, der Herr Kloeble.

Kategorie: Belletristik
Verlag: dtv, 2020