Rezension

Interessante und wichtige Thematik mit viel Potential, das jedoch nicht genutzt wird...

Und jetzt lass uns tanzen - Karine Lambert

Und jetzt lass uns tanzen
von Karine Lambert

Bewertet mit 2 Sternen

Karine Lambert greift in ihrem neuen Roman „Und jetzt lass uns tanzen“ ein wichtiges und leider noch viel zu oft tabuisiertes Thema auf: Die (neue) Liebe im hohen Alter. Dabei kratzt sie jedoch nur an der Oberfläche und verschenkt meiner Meinung nach das Potential, welches diese spannende Grundidee zu bieten hat.

Über 55 Jahre verbrachte Marguerite ihr Leben als tadellose Ehefrau an der Seite des peniblen Notars Henri. Sie waren ein kultiviertes Paar; es gab keine Überraschungen und nur selten Streit, aber dafür auch keine Liebe oder Leidenschaft in ihrer Ehe. Nach dem plötzlichen Tod Henris hat Marguerite große Angst vor dem Leben alleine. Da sie ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse stets in den Hintergrund stellte, hat sie kaum noch ein Gefühl dafür, was sie als Person ausmacht und was sie sich von ihrem restlichen Leben erwartet. Bei einem Kuraufenthalt trifft sie zufällig auf Marcel, der ebenfalls erst seit kurzer Zeit Witwer ist. Diese Bekanntschaft stellt bald Marguerites Welt vollkommen auf den Kopf, denn Marcel sprüht vor Lebensfreude, Energie und Leichtigkeit – Eigenschaften, die Marguerite bis dahin nicht kannte…

Meinung

Das Cover und die Thematik des Buches haben mich sofort angesprochen und ich erhoffte mir von diesem Roman einerseits eine zauberhafte Geschichte mit  typischem, französischem Charme, andererseits auch eine tiefergehende Auseinandersetzung und Momente, die zum Nachdenken anregen. Doch meine Erwartungen wurden leider nicht erfüllt,  weswegen ich mich den Lobeshymnen um dieses Buch nicht voll und ganz anschließen kann.

Die Botschaft des Romans – Liebe kennt kein Alter – wird deutlich herausgearbeitet und auch die Problematiken und Konflikte, die mit dem Verlust eines langjährigen Ehepartners und dem Beginn einer neuen, zweiten Liebe in der Gefühlswelt der Protagonisten und im Umfeld entstehen, werden im Laufe der Handlung sensibel zur Sprache gebracht. Genau diese Momente berühren den Leser und eröffnen normalerweise einen Raum, der zum Nachdenken anregt. Doch Lambert gibt diesen Momenten keine Zeit zum Nachklingen; eine glaubwürdige Entwicklung der Beziehung bekommt durch die rasante Handlung leider keine Chance und kitschige und abgedroschene Floskeln überlagern an vielen Stellen die gefühlvollen Beschreibungen: „Wie wird er wohl meinen Altfrauenkörper finden, der schon so lange Winterschlaf hält? (S.135)“ oder „Wie viele Körnchen bleiben ihm noch in der Sanduhr? (S. 141)“

Obwohl mir die zwei Protagonisten von Anfang an auf ihre jeweils ganz spezielle Art sympathisch waren, fand ich die Figuren insgesamt ein wenig zu überzeichnet und klischeebehaftet: Marguerite als unerfahrene, verklemmte Frau trifft auf den Prinzen Marcel mit zerbeultem, blauem Peugeot, der mit ihr in den Sonnenuntergang fährt… das war mir dann auf Dauer doch ein wenig zu viel des Guten. Trotz der detailreichen Beschreibungen der unterschiedlichen Lebenswege, Gedanken und Gefühle von Marcel und Marguerite schweben die Figuren auch nach der Lektüre nur knapp unter der Oberfläche und konnten nicht an Tiefe gewinnen.

Der Schreibstil der Autorin ist locker-leicht und lässt einen das Buch in einem Rutsch durchlesen; trotzdem wurde ich ehrlich gesagt nicht warm damit. Die Sätze sind teilweise abgehackt, weil Gedankenfetzen der Protagonisten zusammenhanglos eingeworfen werden, wie Erinnerungen an die Jugend, die Schwester, die Ehepartner…  Auf mich wirkte das zu sprunghaft und verwirrend und störte meinen Lesefluss. Einige Passagen musste ich deswegen zweimal lesen, um die Gedankengänge nachvollziehen zu können. Mir fehlte bei diesem Schreibstil einfach das „gewisse Etwas“, das französische Literatur sonst oft ausmacht – dieser Charme, der zwischen den Zeilen hervorblitzt.

Fazit

Vielleicht traf ich einfach zur falschen Zeit auf dieses Buch, vielleicht hatte ich auch zu hohe Erwartungen daran. Doch insgesamt muss ich sagen, dass mich der Roman leider nicht mitnehmen konnte in die Welt von Marcel und Marguerite. Trotz der sehr interessanten Thematik bleibt die Umsetzung unbefriedigend und lässt mich enttäuscht zurück.

Ich vergebe trotzdem 2 Sterne: Einen für die doch sehr berührenden Beschreibung des Verlustes und den Umgang mit der Trauer und einen für das schöne und hochwertige Layout der Hardcover-Ausgabe.

Kommentare

naibenak kommentierte am 11. Mai 2017 um 09:32

Sehr tolle Rezi *staun*!!! Gut, dass auch mal etwas nicht auf die WuLi muss *lach* :-)

LySch kommentierte am 11. Mai 2017 um 14:36

Vielen Dank für das Lob, liebe Bi :) *rotwerd*

Das war eine ganz seltsame Erfahrung mit diesem Buch - gleichzeitig berührt und genervt zu sein! :D Also meiner Meinung nach kann deine WuLi getrost aufautmen! ^^