Rezension

Idee verschenkt!

In 60 Buchhandlungen durch Europa - Torsten Woywod

In 60 Buchhandlungen durch Europa
von Torsten Woywod

Bewertet mit 2 Sternen

„Meine Reise zu den schönsten Buchorten unseres Kontinents“ nun ja – diese ist natürlich subjektiv, aber wenn die Hälfte des Kontinents nicht bereist wird, finde ich diese Aussage doch etwas übertrieben. Leider ist dies noch mein geringster Kritikpunkt...

In 60 Buchhandlungen durch Europa – Buchhändler und Redakteur von „Was liest Du?“ Torsten Woywod macht sich in seinen vier Wochen Jahresurlaub auf den Weg um die schönsten Buchhandlung zu besuchen. Die Ergebnisse seiner Reise sind in diesem Buch gebündelt. Leider ist dieses Buch weder Fisch noch Fleisch... Für einen alternativen Reiseführer hat es viel zu wenige Informationen – zu vielen Buchhandlungen gibt es eine ungefähre Wegbeschreibung aber keine Adresse – hier vermisse ich einen Anhang schmerzlich! Für einen Bildband hat es zu wenig Fotos und für einen Reisebericht vermittelt es viel zu wenig Emotionen.

Ich habe mir sehr viel von diesem Buch erhofft, ein Zusammenstellung guter Buchhandlungen, interessante Geschichten der ortsansässigen Buchhändler zu Kunden, Kaufverhalten, Besonderheiten und auch Absonderlichkeiten.

Bekommen habe ich ein Reisetagebuch, mit den immer gleichen Abläufen. Es ist mir schlicht egal, ob mein „Reisebegleiter“ einen 30 kg schweren Trolley über die Steigungen und das schlechte Pflaster von verschiedenen Städten ziehen oder tragen muss... mir ist klar, dass man sich nach einer nächtlichen Zugfahrt nicht frisch fühlt und sich nach einer Dusche sehnt – irgendwann habe ich nur noch gedacht – hör auf zu jammern, du bist auf einer Reise, und wenn dich so etwas stört, dann plane besser.

Vielleicht ist Torsten Woywod kein Mann der sich für Gerüche und Geschmäcker interessiert, aber wenn alles, was einem vor dem Cafe „A Brasileira“ in Lissabon einfällt, der folgende Satz ist...

„Im unmittelbaren Außenbereich des Cafés finden sich hier nicht nur Gastronomiemöbel, sondern auch die lebensgroße Bronzestatue des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessao, der hier Stammkunde gewesen sein soll.“ (Seite 159)

Tut mir leid, aber das kann doch nicht sein Ernst sein. In einem Café ist man Gast, Pessao war hier, wenn sein tatsächliches Stammcafé geschlossen hatte und wo ist die Beschreibung des unglaublichen Duftes, der aus dem Café kommt - frischer Kaffee und Pasteten...

Überhaupt fehlt mir die Beschreibung des Flairs der verschiedenen Städte und auch Plätze an denen ich mich gern zum Lesen niederlassen würde, werden nur in homöopathischen Dosen erwähnt – und das bringt mich zum eigentlichen Problem

60 Buchhandlungen in 12 Ländern in 4 Wochen – viel zu eng der Terminplan, für manche Buchhandlungen blieben 20 Minuten vor Ladenschluss – das Potential, das in dieser Idee steckt ist verschenkt.

Portugal besteht aus Porto und Lissabon, Österreich gar nur aus Wien und das in Paris von sieben vorgestellten Buchhandlung drei den Schwerpunkt auf englische Literatur legen, finde ich am Thema vorbei. Und was zwei inzwischen geschlossene Buchhandlungen in der Auflistung machen, erschließt sich mir auch nicht.

Ich bin sehr enttäuscht und vielleicht wäre es nicht verkehrt, wenn ein Schuster bei seinen Leisten bleibt – ein Buchhändler soll mit Büchern handeln und keine schreiben, und wenn doch die Ambition zum Schreiben da ist, dann liegt in der Ruhe die Kraft. Mehr Zeit für die Recherche und ein vorsichtig leitendes Lektorat hätten diesem Buch gut getan.