Rezension

Die Daten-Büchse der Pandora

Schwachstellen -

Schwachstellen
von Yishai Sarid

Bewertet mit 4 Sternen

 Technik, Sicherheit und (der Mangel an) Moral - mit "Schwachstellen" hat der israelische Autor Yishai Sarid einen verstörenden Thriller geschrieben, der den Missbrauch der (Daten-)-Technik durch staatliche Sicherheitsunternehmen und die Verstrickungen des Einzelnen zum Thema hat. Ich-Erzähler Siv ist ein begnadeter Hacker, hat schon beim Militär bei einer Spezialeinheit gedient, die Gegner durch Datenüberwachung infiltrierte, wohl auch bei gezielten Tötungen durch Handy-Überwachung und -ortung die entscheidenden Informationen lieferte. Über seine Rolle dabei und die ethischen Fragen hat er wohl damals nicht nachgedacht und tut es auch jetzt nicht, als ihn nach der Entlassung aus dem Militärdienst ein früherer Vorgesetzter für ein privates Sicherheitsunternehmen rekrutiert. 

Für Siv ist dieser Job die Möglichkeit, endlich ein eigenständiges Leben zu führen: Er hat bisher bei seinen Eltern gelebt, die Situation in der Familie ist von Spannungen geprägt. Die Eltern haben Geheimnisse voreinander, Siv wird verantwortlich gemacht für ein traumatisches Erlebnis seiner Schwester in Kindertagen. Sie hat das Erlebnis nie verwunden, ist drogenabhängig in einer ständigen Abwärtsspirale. Auch sonst ist Sivs Privatleben eher von Tristesse geprägt. Er hat keine Freundin und mit seinem nerdigen Verhalten bleiben seine Versuche, bei Frauen auf Gegeninteresse zu stoßen, erfolglos.

Der Job bei seinem alten Kameraden Bulka bringt gutes Geld - endlich eine eigene Wohnung! und Respekt der Kollegen. Schnell steigt Siv auf, bekommt Spezialaufträge, reist auch ins Ausland. Die Technologie, die er mitentwickelt hat, erlaubt dem Unternehmen, sich in die Handies anderer Menschen einzuloggen, deren Daten aufzusaugen und sie in Echtzeit zu überwachen. Das Handy wird Kamera und Mikrofon, Privatsphäre gibt es nicht und dank einer heimlichen "Hintertür" kann Siv diese Technik auch für private Zwecke einsetzen.

Je weiter Siv avanciert, desto häufiger merkt er, dass die Technik, die er so beherrscht, auch von Kunden angewandt wird, die damit vielleicht schlechte Absichten verfolgen. Wer sind sie eigentlich, die Menschen, die da überwacht werden? Lange lässt sich Siv mit der Erklärung abspeisen, dass es sich um Perverse, Kriminelle, Terroristen handelt. Eine Reise allerdings offenbart staatliche Überwachung, Folter, Hinrichtung. Und dann wird die Technik plötzlich auch im eigenen Land angewandt und Siv kommt an den Punkt, an dem er nicht länger wegschauen und sich die Dinge verharmlosend schnönreden kann...

Vom Schreibstil ist "Schwachstellen" eher spröde, Siv ist kein emotionaler Erzähler, Dialoge sind selten. Das passt durchaus zu der nerdigen Hauptfigur, zu deren Stärken definitiv nicht Emapthie gehört. Alles nur eine Dystopie? Dass soziale Medien, die digitalen Endgeräte, von denen sich heutzutage kaum jemand trennen will, auch Tür und Tor für alle möglichen Lauschangroiffe öffnen, ist schließlich längst bekannt. Dass smarte Elektrogeräte, Alexa und Co. theoretisch tief in die Privatsphäre ihrer Nutzer eindringen können, ebenso. die meisten Menschen nehmen das mehr oder weniger achselzuckend in Kauf - man hat ja nichts zu verbergen. Doch wer entscheidet, was  für "Späher" interessant ist oder nicht? Ab wann hört das Private auf, privat zu sein? Bloß weil vieles nicht erlaubt ist, heißt das nicht, dass es nicht auch passieren kann - das unterstreicht "Schwachstellen" mit leisem Horror. Die Daten-Büchse der Pandora ist längst offen.