Rezension

Eine bewegende Mutter-Sohn-Geschichte und noch mehr! Sehr groß!

Geister
von Nathan Hill

Bewertet mit 4.5 Sternen

Samuel Anderson ist Mitte 30, als er als Literaturprofessor an der Uni arbeitet und sich in jeder freien Minute dem Online-Spiel "World of Elfscape" hingibt. Wohlgemerkt - in seinem Büro an der Uni. Bis ihn eines Tages der Anruf eines Anwaltes seiner Mutter unerwartet mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Von da an entwickelt sich dieser Roman zu einer spannenden Familiengeschichte, in der wir viel aus der Kindheit von Samuel lesen. Einige einschneidende Erlebnisse in jungen Jahren prägen sein weiteres Leben von Grund auf: die erste Liebe, die Freundschaft zu Bishop und ganz besonders die Tatsache, dass Samuels Mutter Faye ihn und seinen Vater verlässt hat, als Samuel 11 Jahre alt ist. Nun - im Jahre 2011 - ist seine Mutter plötzlich in den Schlagzeilen als Angreiferin auf einen Präsidentschaftskanditaten. Samuel soll seiner Mutter helfen und über sie schreiben und will nun endlich das große Rätsel des Verlassens lösen. Er erfährt während seiner Recherchen viel Neues über seine Mutter - und auch wir als Leser werden in die 1968er Jahre zurückversetzt, als Faye nach Chicago geht und mitten in den grausamen Chicagoer Aufständen landet. Aber auch Fayes Vater - Samuels Großvater - birgt ein Geheimnis in sich. Und so wird immer deutlicher, wie die Leben miteinander verstrickt sind und wie am Ende alles nicht hätte anders kommen können...

Dies ist der Debut-Roman von Nathan Hill, an dem er ganze 9 Jahre gearbeitet hat. Ein umfangreiches, komplexes und sehr vielschichtiges Werk hat er uns präsentiert, in welchem Hill es versteht, den Leser ununterbrochen bei Laune zu halten. Dabei schreibt er fließend und extrem bildhaft, und er verwendet unterschiedliche sprachliche Mittel - je nach Person, um die es gerade geht. Besonders auffällig und großartig zu beobachten bei den Kapiteln über den Onlinegamer Pwnage, der ebenso wie Samuel in "Elfscape" zu Hause ist und dort eine Berühmtheit darstellt. Seine Spielsucht und deren Folgen hat Hill genial in Szene gesetzt und mich extrem mitgerissen.

Die Sprünge durch die verschiedenen Zeiten, Orte und Personen sind sehr gut voneinander abgegrenzt mit separaten Überschriften. So kann es niemals zu Verwirrungen kommen. Man findet sich prima zurecht.

Hervorheben möchte ich die Schilderung der Chicagoer Studentenaufstände. Ein Wahnsinn, was dort vor sich ging und wie gut Hill es schafft, mich erneut unendlich mitzureißen.

Aber auch die verschiedenen Geistergeschichten aus der Heimat (Norwegen) von Samuels Großvater, die in diesem Roman immer wieder eingestreut werden und vieles erklären, sind eine echte Bereicherung und sehr berührend.

Bei all dieser Komplexität neigt der Roman aber auch immer mal wieder zu kleinen Längen und Ausschweifungen, die aber im Gesamtbild nicht so großartig ins Gewicht fallen und nicht sonderlich störend sind, denn es liest sich trotz allem sehr, sehr gut. Der Schluss andererseits neigt ein kleines bisschen zum Kitsch. Am meisten genervt hat mich allerdings das Lektorat... so viele Rechtschreibfehler hatte ich lange nicht mehr in einem Buch, echt schade!

Fazit: Eine große Familiengeschichte, die den Bogen spannt von 1968 über 1988 bis 2011 und am Ende sogar bis in den 2.Weltkrieg zurückreicht. Ein tolles Gesellschaftsporträt aus eben diesen Zeiten und ein sehr spannender Entwicklungsroman zugleich. Trotz kleiner Längen und ein bisschen Schmalz zum Schluss ist dies ein äußerst vielversprechendes Debut und macht neugierig auf mehr von Nathan Hill! Empfehlenswert!

Kommentare

katzenminze kommentierte am 27. Januar 2017 um 22:16

Oh, deine Inhaltsangabe macht mir gerade echt Lust auf das Buch! Es hört sich sehr spannend an. Auf der WuLi ist es ja schon, jetzt muss ich nur noch irgenwann zum lesen kommen... ^.^

naibenak kommentierte am 28. Januar 2017 um 15:20

Ja, ich glaube sehr, dass es dir gefallen wird, Minzi :-)

wandagreen kommentierte am 08. Februar 2017 um 09:33

Pwnage war meine Lieblingsfigur. Oh, Orthografienachlässigkeiten im deutschen. Im englischen gabs keine Fehler. Nicht einen einzigen! (Könnten wir uns auf die Schreibweise Zweiter Weltkrieg einigen? Das ist nämlich ein Eigenname und wurde deshalb gewählt, weil man hofft, dass es einen 3. WK niemals geben wird!). 9 Jahre hat der Autor daran gearbeitet? Nun, das hat sich gelohnt! War toll dieses Buch, ich hab nichts abgezogen, da die Längen zwar lang, aber sinnvoll waren.

naibenak kommentierte am 08. Februar 2017 um 09:42

Danke für den Hinweis! Wusste ich nicht und die Begründung macht Sinn ;-)

Bei den "Längen" muss ich ehrlich gestehen, dass meine Empfindung evt eher daran lag, dass ich nur häppchenweise lesen konnte, weil total busy... ich will es nicht relativieren, denn ich habe es ja als "Längen" empfunden, aber möglicherweise wäre es mir anders ergangen, hätte ich mehr "am Stück" lesen können... who knows? ;-)

(Darüber hab ich nach meiner Rezi dann doch ab und zu nachgedacht...^^)

Und ja! Pwnage ist der Hammer - schon allein die Beschreibung dieser Person ist großes Kino! Da hat es bei mir von Ekel über Mitleid bis Erstaunen und Wut alle möglichen Empfindungen gegeben :-)