Rezension

Eine große Erzählerin stellt sich vor

Kindheit
von Tove Ditlevsen

Bewertet mit 5 Sternen

„Verstohlen beobachten wir die Erwachsenen, deren Kindheit, zerlumpt und durchlöchert in ihnen liegt wie ein abgewetzter, mottenzerfressener Teppich, an den niemand mehr denkt und den niemand mehr braucht. […]“ (S. 31)

 

In dem ersten Band ihrer Kopenhagen Trilogie (hervorragend übersetzt von Ursel Allenstein!) erzählt die Autorin retrospektiv von einer Kindheit hinter metaphorischen Gitterstäben; ein Leben, welches dem freigeistigen Mädchen eine persönliche Entfaltung verwehrte und sie zu einem Schatten ihrer Selbst werden ließ. Eingezwängt in die gesellschaftlichen Erwartungen und begrenzt durch elterliche Ansprüche kann sich das Mädchen nur während des Schreibens wirklich ausleben und offenbaren. Ihre Überlebensstrategie, geprägt durch eine Mutter, die absolut unberechenbar und unzuverlässig ist, ist sich dumm stellen, anpassen und sich in das Familienbild zu fügen, in welches sie einfach nicht passen mag.

Tove berichtet ferner von einem Vater, der sie zum Lesen ermutigt, sie aber von sich stößt, als er sie als Emanze, als junge Feministin, wahrnimmt, die über ihren eigenen Herd hinaus träumt und denkt.

Vorallem dieses Motiv, das Anderssein und die damit einhergehende Einsamkeit, ist es wohl, was sie zur Kreativität beflügelt und aus ihr diese einzigartige Erzählerin werden ließ. Toves Talent besteht dabei zum einen in der wahnsinnig scharfen und pointieren Beobachtungsgabe, mit welcher sie die Menschen um sich herum schon früh einzuordnen (und somit sich unterzuordnen) lernte, aber gleichzeitig ihr wahnsinnig ausgefeiltes Sprachgefühl und die damit einhergehende Fähigkeit, Bilder zu erschaffen.

„Indes gibt es gewisse Tatsachen. Sie sind starr und unverrückbar wie die Laternenpfähle auf der Straße, aber die verändern sich wenigstens abends., wenn der Laternenanzünder sie mit seinem Zauberstab berührt. Dann leuchten sie wie große, sanfte Sonnenblumen im schmalen Grenzland zwischen Tag und Nacht, in dem sich alle Menschen so leise und langsam bewegen, als spazierten sie über den Grund des grünen Meeres.“ (S. 19)

Diese Sprachkunst zusammen mit dem Gefühl, Tove wirklich nahe gekommen zu sein und ihren Leidensdruck miterlebt zu haben, ließen mich wohl auch begeistert Satz für Satz genießen und wertschätzen. Für mich hebt sich „Kindheit“, als Auftakt ihrer autobiographischen Trilogie, stark von anderen Vertretern dieses Genres ab (welches ich durchaus sehr gerne lese) und erhält für mich einen gesonderten Stellenwert.