Rezension

Gibt es ein zurück?

Bella Ciao - Raffaella Romagnolo

Bella Ciao
von Raffaella Romagnolo

Ein Dorf in Italien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zwei Mädchen wachsen zusammen auf. Die Verhältnisse schweißen sie als Freundinnen für immer zusammen. Für immer? Das ist eine der Fragen, die diese Geschichte behandelt. Als beide erwachsen sind kommt es zu einem schwerwiegenden Verrat, der das weitere Leben der beiden von Grund auf verändert. Eine bleibt im Dorf, die andere flüchtet in die USA. Über 40 Jahre und zwei Kriege später kehrt sie zurück.

Mit ausgeprägtem Wissen über diese Epoche und den differierenden Entwicklungen der gesellschaftlichen und politischen Strukturen und die sich daraus ergebende Lebensumstände in den beiden Ländern werden die Geschichten sinnlich, ja sogar fast körperlich fühlbar von der Autorin erzählt. Im behutsamen und einnehmenden Stil schreibt sie über den Schrecken von Krieg und Armut, über die Liebe und den Tod, über Aufbau und Zerstörung und darüber, dass es im Leben immer weitergeht, immer vorwärts.

Für mich hat sich eine Zeit entfaltet, von der ich nur eine Ahnung hatte. Nach der Lektüre dieses Buches habe ich einen tiefgreifenden Einblick gewonnen, ja sogar oft empfunden, als ob ich in dieser Zeit gelebt hätte. Denn die Autorin hat nichts nur "von außen" einfließen lassen, sie hat die Protagonisten all das durchdringend erleben lassen. Und zwar so anschaulich, dass ich mich uneingeschränkt hineinversetzen konnte. Als ob auch ich mit vernarbten Fingern wochenlang nur „getreckte Suppe“ gegessen hätte, mich unterjochen musste, ohne Rechte, mit meinen Toten leben musste, dem Bösen ausgesetzt war, das der Krieg aus den Menschen hervorgeholt hatte, ich habe die Stärke gespürt, weiterzumachen, und die Kraft zu lieben. Ich habe mit Bedacht meine Geschäfte erweitert, war Diskriminierung ausgesetzt, musste Krisen bewältigen.

Wie intensiv prägen die Verhältnisse der Kindheit, wieviel Einfluss hat Familie auf die Persönlichkeit, was hat Bestand, haben Armut neben Wohlstand verschiedene Auswirkungen auf das Empfinden eines erfüllten Lebens? Wie stark sind die Wurzeln der Heimat. Ohne direkt darauf hingewiesen zu werden finden sich solche Fragen in dieser Geschichte. Die Antworten ergeben sich unausweichlich, je näher man dem Ende kommt. Dieses Ende ist meine einzige unbeträchtliche Beanstandung. Es erlag einem kurzeitigen „Schönwetterhoch“, das sich aus der Grundstimmung abhob.

Der feinfühlige Wechsel der Erzählperspektiven und der Zeiten hat dazu geführt, dass mir die Personen allesamt nah gekommen sind. Dabei war es unerheblich, ob sie mir sympathisch waren oder nicht. Jede hatte ihren ausgeprägten Charakter und war über die ganze Strecke hin authentisch.

Ich bin sehr froh, dass ich diesen wertvollen literarischen Schatz bergen konnte. Er reiht sich ein in die Bücher, die ich gerne ein weiteres mal lesen werde.