Rezension

Drei Viertel Top, ein Viertel Flop

Zum Paradies
von Hanya Yanagihara

Bewertet mit 4 Sternen

Fast war es ja zu erwarten, dass Hanya Yanagiharas neues Buch wieder ein absoluter Brocken mit fast 900 Seiten wird. Das ist auf den ersten Blick vielleicht etwas beängstigend, auf den zweiten erwartet den Leser hier aber wieder ein großartiger Schmöker, den ich über weite Strecken kaum aus der Hand legen wollte.

Der Roman ist in drei verschiedene Teile aufgeteilt, die jeweils im Abstand von 100 Jahren spielen und bei denen nicht ganz klar ist ob sie alle im selben Universum angesiedelt sind. Gemeinsam haben sie jedenfalls den Washington Sqare in New York als Handlungsort und wiederkehrende Namen und Motive wie die Beziehung zwischen Enkel und einem Großelternteil. Auch das jeweils offene Ende ist eine Gemeinsamkeit, vor der hiermit gewarnt sei. Ich hatte kein Problem damit, aber wer beispielsweise das offene Ende beim Report der Magd nicht mochte, der wird hieran auch eher keine Freude haben.

Inhaltlich ist "Zum Paradies" sehr abwechslungsreich. Teil 1 mutet wie ein queerer amerikanischer Jane Austen-Roman an, in dem der reiche aber naive David sich zwischen familiärer Sicherheit und seiner großen Liebe entscheiden muss und dabei vielleicht in sein Unglück rennt. In Teil 2 geht es um die Beziehung zweier sehr unterschiedlicher Männer und den Verfall einer einst königlichen hawaiianischen Familie. Teil 3 ist eine wunderbare Dystopie, inklusive tödlichem Virus und düsteren Zukunftsvisionen aber auch eine emotionale Reise um Charlie und Ihre Großvater, die von Liebe, Schuld, Familie, Freundschaft, falschen und richtigen Entscheidungen erzählt und nebenbei den Niedergang Amerikas als freies Land illustriert.

Ich habe den Roman größtenteils extrem gerne gelesen. Yanagiharas lebendige und vielschichtige Figuren haben mich begeistert, die Geschichten in Teil 1 und mehr noch in Teil 3 haben mich mitgerissen und berührt. Yanagihara kann einfach erzählen! Es ist nur sehr ärgerlich, dass ich meiner Euphorie ein "größtenteils" voranstellen muss. Denn bei Teil 2 wollte sich die sonstige Begeisterung nicht so richtig einstellen. Zwar ist auch dieser Teil gut erzählt aber bei weitem nicht so interessant wie die anderen beiden. Nach einem harten Szenenwechsel und einem eher nervigem Erzähler habe ich das meiste nur noch quergelesen. Das ist natürlich absolut kein Qualitätsmerkmal und gerade deswegen so schade, weil das Buch auch komplett ohne diesen Teil ausgekommen wäre! Hätte man den Mittelteil einfach weggelassen, das Buch wäre für mich ein absolutes Highlight geworden.

So würde ich für diesen Roman voller Erzählfreude und voller Figuren, die mir ans Herz gewachsen sind unheimlich gerne 5 Sterne vergeben. Da für mich aber auch die knapp 200 Seiten von Teil 2 keinen Sinn gemacht haben muss ich leider Punkte abziehen. Wirklich schade, aber immerhin den größten Teil von "Zum Paradies" werde ich in positiver Erinnerung behalten.

Kommentare

Marshall Trueblood kommentierte am 01. Februar 2022 um 16:01

Genauso habe ich es auch empfunden. Den zweiten Teil fand ich unheimlich zäh und ohne ihn wäre der Roman ein großes Highlight gewesen. So bleibt er ein guter Roman, den ich gerne gelesen habe.