Rezension

Vom verzweifelten Streben nach Glück: Was tun, wenn man im Leben angekommen und doch unzufrieden ist? Kann eine Affäre die Leere füllen? Und was ist überhaupt Liebe?

Untreue
von Paulo Coelho

Bewertet mit 4 Sternen

Rezension:

Da ich bisher kein Buch von Paulo Coelho gelesen habe, das mir nicht gefallen hat, und bisher jedes seiner Werke etwas in mir bewegen konnte, habe ich mich sehr über das Erscheinen seines neuesten Romans “Untreue” gefreut. Im typischen ‘Diogenes-Gewand’ reiht sich das Buch perfekt in die lange Reihe der in diesem Verlag erschienenen Coelho-Bücher ein und gibt somit auch im Regal eines Sammlers ein tolles Bild ab.

“Untreue” konnte mich von der ersten Seite an fesseln – genau das, was ich an Coelhos Büchern so liebe: Man liest zwar, merkt dies aber nicht. Es fühlt sich an, als würde einem die Protagonistin, die hier aus der Egoperspektive erzählt, gegenübersitzen und dem Leser ihre tiefgründigen Gedanken offenbaren.

Linda ist um die 30, erfolgreiche Redakteurin, glücklich verheiratet und hat zwei nette Kinder – sie führt das perfekte Leben, sollte man meinen. Doch in Linda sieht es anders aus: Ein “War das schon alles im Leben?” steigt in ihr hoch und lässt sie alles in Frage stellen, sodass sie direkt in eine Lebenskrise steuert. Zufällig trifft sie durch ihre Arbeit wieder auf ihren Jugendfreund und stürzt sich in eine Affäre, die sie ihr Leben letztendlich überdenken lässt.

Obwohl ich mich nicht in Lindas Lage befinde, konnte ich ihre Gedanken und Ängste durchaus nachvollziehen, und extreme Gefühle erfordern nun mal extreme Handlungen, um wieder in die Spur zu kommen. Ich fand ihren Mut zum Verbotenen und Extremen zwar beeindruckend, allerdings hätte sie sich wohl besser einem Therapeuten anvertraut, um ‘kontrolliert aus dem Leben auszubrechen’, statt auf eigene Faust zwischen Fettnäpfen zu balancieren.

Das war auch der Grund, warum es diesmal nicht zum Lieblingsbuch gereicht hat – im Mittelteil des Buches gleicht Lindas Handeln mehr einem Herumtaumeln, als einer geradlinigen Handlung, was auch den Lesefluss etwas ins Stocken geraten ließ. Teils gab es Situationen, in denen ich dachte “Oh nein… tu das nicht…” – doch fragwürdige Ideen und übertriebene Handlungen durch falsche Wahrnehmung gehören zum Leben einfach dazu …

Am meisten mit der Geschichte anfangen können mit Sicherheit Leser/innen, die sich in einer ähnlichen Sitation wie die Protagonistin befinden. Doch ein Coelho wäre kein Coelho, wenn nicht für jeden mindestens ein Gedankenanstoß zu finden wäre.