Rezension

Ein Rätsel und viel Geschichte in der Geschichte

Das Verschwinden der Erde
von Julia Phillips

Bewertet mit 5 Sternen

Dieses Buch ist berührend und eindrucksvoll, allerdings auch nicht ganz einfach.

Zwei Mädchen verschwinden in der Kleinstadt Petropawlowsk auf der Halbinsel Kamtschtka. Sie waren nachmittags Strand, sind sie ertrunken? Eigentlich war es viel zu kalt zum Baden. Eine Spaziergängerin hat zwei Mädchen und einen Mann im Auto gesehen.

 

Das ist der rote Faden, um den herum hier kunstvoll ein kompliziertes Gespinst gewoben wird. In Episoden lernt man die unterschiedlichsten Menschen kennen, die offensichtlich nichts miteinander zu tun haben, dann aber doch ganz am Rande eine lose Verbindung besitzen.

Und während das Rätsel um die verschwundenen Mädchen in großen Kurven eingekreist wird, erfährt man von zahlreichen anderen Schicksalen. Es ist, als wäre man bei all diesen Menschen zu Besuch, lernt sie und ihre Sorgen gut kennen, fühlt mit ihnen.

Julia Phillips schafft es tatsächlich, dass man in nur einem Kapitel eine ganze Welt kennenlernt, die eigen ist aber interessant. Man möchte wissen, wie es weitergeht, verlässt diese Szene aber und springt in das nächste, ebenso fesselnde, Schicksal. Und ab und zu bekommt man dann in einem ganz anderen Zusammenhang nochmal einen Hinweis auf Bekanntes aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Das ist sehr verzwickt, aber fesselnd und genial. Mein einziger Kritikpunkt: Das Buch muss durch diesen Aufbau den direkten Vergleich mit „Dort Dort“ aushalten und da fällt es stilistisch ein wenig ab.

Und auch wenn man letztendlich einem Verbrechen auf der Spur ist, bekommt man doch einen Eindruck vom Leben in Kamtschtka, einer russischen Halbinsel kurz vorm Ende der Welt, gleich neben der Arktis, wo die Bevölkerung ein buntes Gemisch aus indigenen Ureinwohnern und weißen Russen bildet, mit allen dazugehörigen Konflikten und Vorurteilen. Es gibt noch immer im hohen Norden Ewenen, Tschuktschen, Korjaken oder Aleuten mit Traditionen, die trotz aller Sowjetisierungsversuche noch gelebt, bewundert oder auch belächelt werden.

 

Dieses Buch ist ein Erlebnis. Es bietet ein Rätsel und viele Geschichten in der Geschichte, ein Verbrechen mit Aufklärung und dazu noch ganz viel altes und neues Russland, eiskalt, melancholisch, auch tragisch, viele Gefühle, viel Verzweiflung aber auch ein kleines bisschen Hoffnung.

 

Kommentare

naibenak kommentierte am 22. Januar 2021 um 08:41

Gott Sursu, diese Rezi fixt mich sowas von an ;D Denke, das Buch ist ganz unbedingt was für mich. Vielleicht hab ich ja heute Glück in der LR ;-) Danke dir! ♥

Sursulapitschi kommentierte am 22. Januar 2021 um 08:55

Ich drücke die Daumen! 

naibenak kommentierte am 22. Januar 2021 um 09:16

Danke :-)