Rezension

Niemand liebt November? Doch, ich!

Niemand liebt November - Antonia Michaelis

Niemand liebt November
von Antonia Michaelis

Bewertet mit 5 Sternen

"Zeit war alles, was Amber hatte. Theoretisch hatte sie unendlich viel Zeit. Ihr Leben, ihr wahres Leben, würde erst anfangen, wenn sie ihre Eltern fand. Oder wenn sie irgendjemanden fand, der sie liebte. Es war wie im Märchen - der Prinz konnte sich nur zurückverwandeln, wenn jemand ihn lieb gewann. Wenn jemand Amber lieb gewann, würde sie sich ebenfalls verwandeln. In . . . irgendeine bessere Version ihrer selbst . . ."

Klappentext:
Schatten der Vergangenheit: ein Spiel um Leben und Tod. Kurz vor Ambers sechstem Geburtstag verschwanden ihre Eltern auf unerklärliche Weise. Jetzt ist Amber, die eigentlich November heißt, 17 Jahre alt und glaubt, eine Spur zu haben. Doch was hat es mit dem Jungen auf sich, der in dem erleuchteten Zelt ein Buch liest, sich aber in Luft auflöst, sobald sie sich ihm nähert? Welche Ziele verfolgt der Kneipenwirt, zu dem sie sich immer stärker hingezogen fühlt, und der immer für sie da zu sein scheint? Steckt er vielleicht sogar hinter den anonymen Drohungen, die sie erhält? Amber muss sich entscheiden: zwischen ihrer zerstörerischen Vergangenheit und dem Aufbruch in die Zukunft. Ein großer Roman von Antonia Michaelis: eine starke, zugleich verletzliche Heldin inmitten mörderischer Geheimnisse, soghaft zwischen Traum und Realität und atemlos spannend.

Die Autorin:
Antonia Michaelis wurde in Kiel geboren und ist in Augsburg aufgewachsen. Sie hat in Greifswald Medizin studiert und unter anderem in Indien, Nepal und Peru gearbeitet. Heute lebt sie mit Mann und zwei Töchtern gegenüber der Insel Usedom im Nichts, wo sie zwischen Seeadlern, Reet und Brennnesseln in einem alten Haus lauter abstruse Geschichten schreibt.

Meine Meinung:
Amber ist sechs Jahre alt, als sie ihren Geburtstag allein mit einem selbstgebackenem Kuchen feiert. Ihre Eltern sind nicht mehr da und kommen auch nicht wieder. Als das kleine Mädchen spürt, dass sie sonst zu Hause verhungert, schnappt sie sich ihre Katze und wagt sich in die Welt. Zu diesem Zeitpunkt beginnt eine Odyssee durch Kinderheime und Pflegefamilien, bis sie mit 17 aus der betreuten WG abhaut. Sie hat einen Hinweis, wo ihr Vater Wolf und die Mutter Lenja sein könnten.
Amber flieht und versucht, auf eigene Faust herauszubekommen, was damals geschehen ist. Sie lernt einen Mann namens Katja kennen und sieht immer wieder ein rot-gelbes Igluzelt, in dem ein Junge liest. Außerdem bekommt sie verstörende Botschaften und fühlt sich verfolgt. Verliert Amber langsam den Verstand? Und wird sie das Geheimnis ihrer Vergangenheit endlich lüften?

"Niemand liebt November" ist ein Buch, das tief unter die Haut geht und sich wie ein Stachel festsetzt. Solche Geschichten, die das Leben schreibt, die berührend, ehrlich, grausam und voller Emotionen gepackt sind, vergisst man nicht so leicht.
Antonia Michaelis nimmt kein Blatt vor den Mund, erspinnt eine Handlung, die aufwühlender nicht sein könnte und lässt den Leser/die Leserin wütend, bedrückt, hoffnungsvoll und mit viel Stoff zum Nachdenken zurück.

Amber ist ein Mädchen, das nie eine Chance hatte, außer die, die sie sich selbst gibt. Wie auch im realen Leben trifft sie auf Menschen, die sich nicht um sie scheren, die sie ausnutzen und benutzen, aber auch auf gute Seelen, die ihr helfen, zu überleben und dem Mädchen einen Weg weisen, den sie so nicht gegangen wäre. Immer an ihrer Seite ist ihre Katze, von der sie sich verstanden fühlt und durch die sie sich stärker fühlt.

Dieses Rätselraten, was Amber damals passiert ist und wie die Suche endet, nahm mich vollends gefangen. Antonia Michaelis versteht es, mit ihren Beschreibungen und Schilderungen Gänsehaut zu erzeugen.
Schicksal ist nicht gleich Schicksal, denn viele, die um uns herum sind, lenken unser Leben. Und was kann ein Kind schon tun, das plötzlich allein ist und nicht einmal begreift, was geschah? Amber ist auf der Suche nach der Wahrheit, aber auch nach sich selbst.
Es gibt wenige Bücher, bei denen ich weinen musste, diese kann ich an einer Hand abzählen. "Niemand liebt November" gehört dazu.

Das Cover möchte ich gern noch erwähnen, das passend gestaltet wurde - einfach schön.

Ein Buch, das man nicht so leicht vergisst: schonungslos, spannend und undurchsichtig.