Rezension

Wie kann eine Person an mehreren Orten zugleich sein?

Im Auge des Zebras -

Im Auge des Zebras
von Vincent Kliesch

Bewertet mit 4 Sternen

Boesherz tritt hier für meinen Geschmack zu sehr in den Hintergrund - aber insgesamt trotzdem gute Krimiunterhaltung...

Was physikalisch vollkommen unmöglich ist, geschieht in ganz Deutschland: Überall werden Teenager entführt, die Eltern kurz darauf ermordet. Und allen Beweisen nach wurden die Taten zur selben Zeit und von derselben Person verübt! Kommissarin Olivia Holzmann vom LKA Berlin tappt im Dunkeln und weiß nur, dass den Jugendlichen die Zeit davonläuft. Um diesen scheinbar übernatürlichen Fall zu lösen, bedarf es der Fähigkeiten dreier besonderer Ermittler: der Willensstärke von Olivia Holzmann, der genialen Beobachtungsgabe ihres Mentors Severin Boesherz und der Erfahrung der pensionierten Kommissarin Esther Wardy. Die drei ahnen nicht, wie leicht ihnen der Täter jederzeit das Liebste nehmen kann, das sie besitzen… (Klappentext)

Der Thriller beginnt mit einem dicken Ausrufezeichen - Action pur gleich im ersten Kapitel. Danach flaut die Dynamik allerdings ab, und es wird allmählich erkenntlich, um was es hier überhaupt geht. Im Mittelpunkt steht die Kommissarin Olivia Holzmann, die einst mit dem legendären Severin Boesherz beim LKA Berlin zusammengearbeitet hat. Sie hat viel von ihrem Mentor gelernt, doch in dem Fall von 7 verschwundenen Jungen und deren getöteten Eltern kommt sie kein Stück voran - angefangen bei der unlösbaren Frage, wie es sein kann, dass ein und derselbe Täter offenbar an 7 verschiedenen Orten in Deutschland gleichzeitig seine Opfer entführt hat. Die Spurenlage lässt jedenfalls keinen anderen Schluss zu...

Vincent Kliesch, der zuletzt eher mit seiner "Auris"-Reihe beschäftigt war, kehrt hier zu einem früheren Ermittler zurück: Severin Boesherz. Dieser ist ein sehr analytischer Ermittler mit einer ungeheuren Beobachtungsgabe und einem fotografischen Gedächtnis. In Sekundenschnelle speichert er jegliche Sinneseindrücke bis ins kleinste Detail ab, um sie dann viel später als womöglich wichtiges Puzzleteil der Ermittlung zu erkennen und entsprechend einzuordnen. Dabei ist der stattliche Hauptkommissar stets adrett und stilvoll gekleidet, liebt gutes Essen und exzellenten Wein und entspannt sich am ehesten bei einer Opernarie. Doch leider spielt dieser (nun ehemalige) Kommissar diesmal nur eine Rolle am Rande.

Denn weder Boesherz noch die ebenfalls pensionierte Kommissarin Esther Wardy, die Olivia Holzmann hinsichtlich eines ähnlichen Falls vor etlichen Jahren zu Rate zieht, scheinen bereit, die Ermittlerin aktiv zu unterstützen. Allenfalls kleine Hinweise oder Ratschläge sollen hier helfen. Dabei könnte Olivia dringend mehr Hilfe gebrauchen, denn die Zeit läuft. Mit jedem weiteren Tag sinkt die Wahrscheinlichkeit, die 7 entführten Jungen lebend zu retten. Der Druck auf die Kommissarin steigt mit jeder Stunde...

Einerseits freute ich mich, in diesem Thriller bereits bekannten Gesichtern aus Klieschs vorherigen Thrillern wiederzubegegnen - Julius Kern (Trilogie), Severin Boesherz (2 Bände), und auch der forensische Phonetiker Matthias Hegel (aus der bisher 3bändigen "Auris"-Reihe) geben sich hier ein Stelldichein. Andererseits führte dies insgesamt doch zu einer recht wirren Handlungsabfolge - eine Konzentration auf eine*n Ermitterl*in hätte mir hier doch besser gefallen. Zumal Leser*innen, die womöglich erst seit "Auris" von Vincent Kliesch gehört haben, die Reminiszenzen gar nicht verstehen dürften. Dafür bleibt die Figur der aktiven Kommissarin Olivia Holzmann für mein Empfinden noch erstaunlich blass.

Trotz des bekannt flüssigen Schreibstils und der meist kurzen Kapitel, die den Lesefluss anheizen, empfand ich diesmal die Handlung doch als recht zerfasert, stellenweise gar als langatmig. So beschäftigt sich Boesherz beispielsweise gerne damit, seinen Sohn Frederic ebenfalls im deduktiven Denken zu schulen und präsentiert ihm dafür Informationen aus alten Fällen, auf deren Lösung Frederic kommen soll. Der Sinn dieser wiederholten Exkurse erschließt sich erst spät - wenn überhaupt. Dafür schweift die Handlung dadurch immer wieder vom eigentlichen Geschehen ab.

Alles in allem ein etwas umständlich konzipierter Thriller, der am Ende mit dem erwarteten Showdohn und einer kleinen Überraschung aufwartet, was in meiner Bewertung für den 4. knappen Sern sorgte. Ich warte nun gerne auf den nächsten Band mit Olivia Holzmann, um dann zu entscheiden, ob mir die Thriller von Vincent Kliesch überhaupt noch liegen. Seinerzeit war ich wirklich begeistert (v.a. von den Boesherz-Bänden), seit "Auris" habe ich aber das Gefühl, dass sich die Zusammenarbeit mit Sebastian Fitzek nicht unbedingt positiv auf das Schreiben Klieschs auswirkt. Wohlgemerkt: für mein Empfinden.

Alles in allem ein wenig zu wirr, nicht durchgehend spannend, aber durchaus unterhaltsam.

 

© Parden